Emile LeFant
Freiheit? Markt oder nicht Markt: das ist die Frage.
Über den Zusammenhang von zwei Formen der Ethik und ihrer Institutionalisierung als Markt.
Abstract
Markt ist ein Interaktionstruktur zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage der Güter. Die Ermittlung des Gleichgewichtspreises, bei dem der Markt geräumt wird, war die Grundidee der angelsächsischen Theorietraditionen. Ihre Modellbetrachtungen sind so angelegt, dass durch den Einzelnen die Preise nicht aussermarktlich steuerbar sind. Der Markt ist, im Medium der Güter, ein „herrschaftsfreier Diskurs“. Im Gleichgewichtsmodell des 'vollkommenen Marktes' wird dies darin ausgedrückt, dass die Gütermengen jeweils danach bestimmt werden, was der Markt vorher als Preis festlegte. Die Güterproduktion wird durch den erzielbaren Preis stimuliert. (Beispiel „Schweinezyklus“ - hoher Preis in Markt-Zeitpunkt T1 bewirkt hohes Angebot für T2; hohes Angebot in T2 bewirkt geringen Preis in T2, somit geringere Menge in T3; geringes Angebot in T3 bewirkt hohen Preis in T3 etc.)
In den Gleichgewichtsmodellen der Marktformenlehre kommt die ausschliesslich zulässige Steuerung durch Marktpreise darin zum Ausdruck, dass der Markt als eine punktuelle Institution gedacht wird; bildhaft: der Markttag am Marktplatz, wo sich Anbieter und Nachfrager mit symmetrisch ausgeglichener Marktmacht gegenübertreten. Die Marktvorbereitungen finden aussermarktlich, in der nicht einsehbaren Privatsphäre statt. Diese Trennung folgt aus der begrifflichen Struktur des Privateigentums: der Trennung von Verfügungsrecht und Gebrauchsrecht.
Dieses ursprüngliche liberale Modell liegt den Theorien von Adam Smith, der englischen Grenznutzenschule (Neoklassik) als auch dem Ordoliberalismus der Freiburger Schule zugrunde.
Die Anlage des Marktkonzepts als ein herrschaftsfreier Diskurs wurde sowohl durch David Ricardo – gegen Adam Smith – aufgebrochen, als auch durch die Stackelbergsche Modellvariation und durch die österreichische Schule. Diese Theorietraditionen ermöglichen die aussermarktliche Beeinflussung der Mengenangebote. Dadurch wird die Marktformenlehre abgelöst durch Strategiespiele der direkten Beeinflussung der Kontrahenten ausserhalb der Marktsphäre (Ricardo griff hilfsweise auf die „naturwissenschaftliche“ Argumentation der Überbevölkerungstheorie und Differentialrente zurück). Die Symmetrie der Marktmacht wird zerstört. „Markt“ wird von einer Domäne der herrschaftsneutralen Allokation der Güter und Produktionsfaktoren verwandelt in ein Medium zur Allokation von Macht.
Damit zerstört der neoliberale Marktbegriff (wie auch der Ricardosche Manchesterismus) die Privatsphäre und somit die ethische Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft. Gegen die aufklärerische Ethik von Adam Smith wird eine Strategie der “Machtethik“ etabliert. Statt der Allokation der Güter und Produktionsfaktoren zu leisten, führt die Strategieethik zu einer Allokation der Macht, in der endgültigen Konsequenz zu einer Art Neo-Absolutismus.
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Freiheit - Freiheit - Freiheit - „das langwährende Rezitieren des Mantras ist eine Stütze, um meditativ im gewünschten Denken zu verweilen“ informiert uns der Weltgeist aus dem Internet. Das Mantra wirkt durch seinen Klang, es soll ja die Gedankeninhalte leeren. Wir dagegen möchten uns mit dem Begriff befassen, dem sprachlichen, dem argumentativen Inhalt dieser Lauthülse. Wie der naive Scholar, der Mephisto gegenübersteht, fragen wir:
„Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein“
und wundern uns über dessen Antwort:
„Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“
Freiheit durch den freien Markt ist zum Schlüsselbegriff der gesamten gesellschaftlichen und politischen Diskussion geworden. In nahezu allen Bereichen der sozialethischen Ordnungsdiskussion wird auf ihn als die zentrale Instanz des Machbaren, des Gerechten, des funktional Richtigen, des im Namen der Freiheit Unvermeidlichen verwiesen. Verstanden als Mechanismus der Evolution der individuellen Freiheit wird der freie Markt als das entscheidende diskursive Medium auch noch übertragen auf nahezu alle anderen Lebensbereiche – angefangen von Kultur, Kunst, Literatur, Wissenschaft, Schulsysteme etc. über die Struktur der Öffentlichkeit und deren Meinung formenden Medien (Zeitungen, Bücher, Rundfunk und Fernsehen, Internet etc.), über die internen Strukturen der kooperativ-zweckbezogenen Organisationsformen (Wirtschafts- und Produktionsbetriebe) bis hin zur Legitimation - bzw. Delegitimation - der repräsentativen Demokratie und ihren fundamentalen korporativen Institutionen (z.B. Gewerkschaften, Parteien, Berufsverbände etc.). Selbst offensichtlich gesellschaftlich destruktive Tendenzen wie etwa die Verabschiedung des Ideals der Vollbeschäftigung werden vom Marktbegriff scheinbar legitimiert.
Dieses in den letzten 30 Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung dominant gewordene Verständnis der strukturellen Bedeutung des Marktes, seiner generellen Identifizierung mit Freiheit, lässt sich auf den simplen gemeinsamen Nenner bringen: wer sich durchsetzt, hat Recht und sein Verhalten ist - mit ethischem Unterton – fraglos gerechtfertigt.
Während so der freie Markt als eine universell Gesellschaft bildende, formende und dirigierende Institution verstanden wird, drängt sich mit zunehmend unbehaglich werdender kognitiver Dissonanz die Frage auf: was ist der freie Markt überhaupt? Wie ist diese Instanz selbst strukturell gestaltet? Gibt es überhaupt ein reflektiertes Einvernehmen über diesen universellen Entscheidungs- und Direktionsmechanismus in gesellschaftlich relevanten Fragen?
Die nachfolgende Abhandlung stellt dar, dass es über den scheinbar so klaren Marktbegriff einen verborgenen Dissens gibt, der sich bereits durch die gesamte ca 250-jährige Entwicklung der ökonomischen Theorie hinzieht. Es ist, direkt ausgesprochen, die Frage: ist der Markt
- ein Interaktionsmechanismus der Willkür unter Zuhilfenahme struktureller Macht?
oder ist der Markt ein
- Mechanismus zur Neutralisierung struktureller Macht?
In dieser Konfrontation der Fragestellung scheint die ethische Fundamentalfrage auf: ist Willkürmacht ethisch zulässig und rechtfertigbar? Oder verstehen wir als die Basis jeglicher Ethik nicht gerade die Neutralisierung willkürlicher Macht und Gewalt? Das allgemeine Vorverständnis neigt ohne Frage der zweiten Auffassung zu. Dennoch werden wir auch die erste Formulierung ernst nehmen, gemäss der Antwort, die der Philosoph Ludwig Wittgenstein seinem Gesprächspartner Rhus Rhees auf dessen Mitteilung des Ausspruchs von Göbbels „Recht ist, was uns gefällt“ gab: „Even that is a kind of ethics.“
Wir werden feststellen, dass es im genannten Sinn zwei unterschiedliche, ja kontradiktorische strukturell-begriffliche Festlegungen von „Markt“ gibt. Und wir werden darlegen, dass sich die Unterschiede nicht aus der Wirtschaftstheorie ergeben, sondern in einer a-priori-Weise, per definitionem, in diese hineingetragen werden. Die Wirtschaftstheorie selbst transformiert dann diese, von ihr unhinterfragten Basisdefinitionen in bloss tautologischer Weise in ihre fachwissenschaftlichen Schlussfolgerungen. Die Legitimität dieser Schlussfolgerungen ist folglich nichts anderes als die Legitimität der Basisdefinitionen.
Daher müssen wir uns um die Frage kümmern: woher kommt diese Basis, und wie wird für sie argumnetiert, aus welchen Gründen sollen wir diese akzeptieren? Wo wir an dieser Stelle ja sagen, sind wir auch zur Akzeptanz der Folgerungen verpflichtet - das ist ja die jeder Wissenschaft innewohnende Ethik.
Die Basisdefinitionen der ökonomischen Theorie, mit denen wir uns hier befassen, entstammen unterschiedlichen Ansichten über die ethischen Grundlagen der Gesellschaft. Hier stehen sich die Ethik der Aufklärung und die Ethik der Gegenaufklärung in schärfster Konfrontation gegenüber: als Ethik der Forderung nach Allgemeingültigkeit der Handlungsbegründungen einerseits und als eine Ethik des individualistischen Machtanspruchs.
Es ist zu erinnern, dass die Ökonomie als eine Wissenschaft aus der praktischen Philosophie entstanden ist. Im folgenden werde ich mich ausschliesslich auf diesen Punkt konzentrieren. An dieser Stelle geht es noch nicht um eine Einzelkritik unterschiedlicher Theorien, es geht auch noch nicht um die Darstellung einer Alternative. Es soll hier zuerst nur deutlich gemacht werden, wie die grundlegende, vor-fachwissenschaftliche Entscheidung für eine der genannten Ethiken das gesamte Erkenntnispotential der jeweiligen, daraus entwickelten, ökonomischen Fachtheorie präjudiziert. Allerdings bin ich der Meinung, dass diese Entscheidung vor der Fachwissenschaft keine ausserwissenschaftliche Angelegenheit ist, sondern selbst wissenschaftlich-methodisch begründbar ist – in einer Proto-Ökonomie, in der die Basisbegriffe einer Fachwissenschaft aus der Philosophie heraus bereit gestellt werden. Dies ist jenes Verständnis von Begründung der Wissenschaften, das Paul Lorenzen in seiner „Erlanger Schule“ des dialogischen Konstruktivismus vertrat.
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Adam Smith hatte mit seinem Modell vom Markt klar gestellt, dass dieser eine Institution ist, die alle herkömmlichen Machtverhältnisse neutralisiert. Damit gab er der bürgerlichen Vorstellung von Freiheit einen institutionellen Ankerpunkt. Und er stellte damit seine ökonomische Theorie vom Wohlstand der Nation in Gegensatz zur merkantilistischen Theorie, die, wie der Doktor Quesnai, nur den Kreislauf der Güter betrachtete, dabei aber die aristokratischen Machtverhältnisse in die einzelnen Tauschverhältnisse dieses Kreislaufs einfliessen liess. Diese beiden Archetypen der Ökonomie durchziehen immer noch unsere Realität. Beide Theorien reden vom „Markt“. Was ist der Unterschied?
Machen wir uns zwei Worte: reziproker Markt und symmetrischer Markt. Betrachten wir die charakteristischen Vorstellungen über die Struktur der Interaktionen beim Tausch, die diesen Begriffen zu Grunde liegen.
Im reziproken Markt treffen sich jeweils zwei, die aktuell miteinander tauschen. Danach geht jeder seines Weges und sucht sich neue Tauschpartner; jeder ist frei in der Partnerwahl, keiner wird gezwungen, jeder ist frei zu tauschen oder es bleiben zu lassen. Seinen Vorteil sucht er darin, irgend einen Tauschpartner zu finden, der entweder schlechter informiert ist als er selbst, oder sich vielleicht grade in einer prekären Situation befindet, wie der Verdurstende in der Wüste, der in seiner Not für einen Schluck Wasser einen dicken Beutel voller Gold an den Beduinen hergibt. Aber auch diese prekäre Situation ist darauf zurückzuführen, dass der Verdurstende schlecht informiert ist: bei der Planung seiner Route, über die Lage der Brunnen in der Wüste oder irgendetwas anderes, was er - wir reden von Selbstverantwortung - klugerweise hätte wissen sollen .
Der entscheidende Punkt beim reziproken Markt ist: es sind aktuell keine alternativen Tauschpartner gegenwärtig. Man kann aktuell keine anderen Angebote einholen. Wer klug und egoistisch ist, der sucht sich Tauschpartner und Tauschgelegenheiten, bei denen er, nach seiner eigenen Einwertung, mehr bekommt als er gibt, wobei sein Partner ebenfalls glücklich ist, denn der hat nach dem Tausch ja auch das was er wollte, einen grösseren Nutzen. Das Beispiel gibt schon Adam Smith: vom verdurstenden König in der Wüste, der sein Königreich gegen einen Schluck Wasser hergibt. Jeder muss das für sich selbst wissen und entscheiden, er ist ja nicht gezwungen, er ist frei und selbst verantwortlich, keiner hat eine Pistole gezückt. Das ist der individuelle, subjektive Aspekt des Tauschens beim reziproken Markt.
Das reziproke Schema der Tauschinteraktion ist, in der strukturellen Betrachtung1:
Adam tauscht mit Bedam;
Bedam tauscht mit Cedam,
Cedam tauscht mit Adam.
Der Kreislauf ist geschlossen, er beginnt mit Adam und endet bei Adam. (Die Anzahl der Teilnehmer im Schema kann natürlich beliebig eweitert werden). Führt man über die Tauschverhältnisse eine „nationale Buchhaltung“ (wie es Jean-Baptiste Say andachte), so kann man am Ende des Jahres eine ausgeglichene Bilanz aufmachen, und auch die zugehörige nationale Gewinn- und Verlust-Rechnung wird mit Null aufgehen.
Ob es am Ende des Jahres auch für jeden einzelnen Xdam zufrieden stellend war, ist hier weder entscheidend, noch wichtig, noch entscheidbar. Das kann nur jeder mit sich selbst ausmachen. Selbst wenn sich einer im Kämmerchen krumm ärgert, weil er hinterher zur Meinung kam, er habe einen schlechten Deal gemacht - sein Problem, pacta sunt servanda. Kein Richter wird ihm helfen können und wollen (wir reden hier nicht von Betrug usw., sondern von freier Entscheidung, 'rational choice'). Man kann und muss die je eigene Rationalität unterstellen, weil man kein ausser- oder überindividuelles Urteilskriterium hat; jeder fremde urteilende Versuch wäre eine illegitime Bevormundung der für sich selbst entscheidenden Individuen. Das ist das individualistische Prinzip beim reziproken Markt. Daher nennt Ludwig v.Mises diesen Markt „Katallaxie“ - eine erfreulich klärende, aber zu wenig beachtete Unterscheidung gegenüber den umgangsprachlichen Untertönen des Wortes 'Markt'.
Gemäss dem verfügbaren Gerechtigkeitskriterium: jeder weiss am besten, was für ihn selbst gut ist, ist also alles faktisch-gerecht zugegangen, die Verteilung war gerecht, so wie sie eben faktisch ausging. Diese „verteilende Gerechtigkeit“ ist gesamtwirtschaftlich ein Nullsummenspiel, weil sie sich auf ein geschlossenes System bezieht. Das war schon der Fall beim „tableau economique“ des Physiokraten Quesnay, obwohl dieser ja von drei gesellschaftlichen Klassen ausging, denen nach aristokratischem Rechtsverständnis unterschiedliche Anteile am Sozialprodukt zustanden. Die Gerechtigkeitsformel: „keiner soll gewinnen, wenn ein anderer dadurch verliert“ taucht, als ein solches Gerechtigkeitskriterium, in der ökonomischen Theorie als Pareto-Kriterium auf. Unklar und unentscheidbar ist und bleibt dabei, welcher Ausgangszustand gelten soll – aber das ist ja als permanenter Einwand gegen das Pareto-Kriterium bekannt. Soviel ist also schon erkennbar: das reziproke Marktschema stellt ein geschlossenes System dar, und als Gerechtigkeits- oder Moralkriterium gilt darin: was das System stabil hält, ist gut.
Betrachten wir dem gegenüber das zweite, das symmetrische Schema der Tauschinteraktion:
Zunächst steht eine zweiseitige Interaktion mit wechselnden Positionen:
Adam tauscht mit Bedam UND Bedam tauscht mit Adam
Danach gehen beide Tauschpartner ihrer Wege und suchen sich neue Tauschpartner in transitiver Weise:
Adam tauscht mit Bedam;
Bedam tauscht mit Cedam;
Adam tauscht mit Cedam.
Worin besteht der Unterschied des symmetrischen zum reziproken Marktmodell? Zunächst darin, dass sich die Tauschpartner in eine symmetrische Position zu einander begeben. Sie machen sich für den Augenblick des Tausches miteinander gleich in ihren Rechten, sie nützen nicht die Zufälle einer eineitigen Machtposition in dieser singulären Situation, wie es der Kameltreiber tat gegenüber dem verdurstenden König in der Wüste.
Die nachfolgenden Tauschvorgänge, in die Adam und Bedam sich begeben, werden wegen dieser Symmetrie und der daraus folgenden gegenseitigen Vertretbarkeit zwischen beiden auch so darstellbar:
(Adam ODER Bedam) tauscht mit Cedam
(Bedam ODER Adam) tauscht mit Cedam
Adam und Bedam könnten sich also gegenseitig vertreten, sich repräsentieren, weil sie sich in ihren gegenseitigen Rechten gleich gestellt haben. Dieses sich gegenseitig vertreten können ist das wesentliche Unterscheidungskriterium zwischen reziprokem und symmetrischem Markt.
Wie soll das gehen, in einer Welt der Egoisten? - Durch eine institutionalisierte Form des Marktes, die eine derartige Neutralisierung der Machtpositionen bewirkt. Im bildhaften Modell des symmetrischen Marktes wird diese Machtneutralisierung dadurch erzeugt, dass alle Tauschpartner gleichzeitig anwesend sind, damit jeder zu jedem eine symmetrische Position einnehmen kann. Es ist das Bild vom Markttag auf dem Marktplatz. Qua aktual realisierbarer Transitivität weiss jeder von jedem, welche Preise gefordert und bezahlt werden. Am Ende des Tages ist der Markt geräumt, Angebot und Nachfrage sind im Gleichgewicht. Die Tagesbilanz des Gesamtmarktes ist ausgeglichen, und jeder weiss, dass er genau soviel vom Gesamtvolumen des Marktes bekommen hat, wie ihm als Gleichem unter Gleichen zusteht, soviel, wie er nach allgemein nachvollziehbarer Einschätzung mitgebracht hat - ausgleichende Gerechtigkeit.
Noch ein Unterschied zwischen reziprokem und symmetrischem Markt fällt auf: der reziproke Markt ist ein geschlossenes Kreislaufmodell, der symmetrische Markt ist ein offenes transitives Modell: der reziproke Markt endet mit „Cedam tauscht mit Adam“, der symmetrische Markt endet mit „Adam tauscht mit Cedam“ (natürlich können auch hier beliebig viele Teilnehmer zwischen Adam, Bedam und Cedam, und hinter Cedam, eingefügt werden).
Wo ist also der relevante Unterschied zwischen reziprokem und symmetrischem Markt und was bedeutet dieser Unterschied für die ökonomische Theorie und Praxis? Ob wir das Marktgeschehn übers Jahr oder über einen Tag betrachten ist irrelevant. Ob wir von ausgleichender oder verteilender Gerechtigkeit sprechen, scheint vorderhand auch nur eine Sonntagsfrage für den Pastor zu sein.
Der Unterschied besteht darin: der symmetrische Markt neutralisiert im Moment des Tauschens – oder im Moment der Vertragsverhandlung – alle Machtfülle, über die einer der Vertragspartner gegenüber dem anderen verfügt. Die einzige Macht, die in diesem Moment ein Rolle spielen darf, ist das Verfügungsrecht über die konkret in der Verhandlung anstehende Sache. Diese Machtneutralisierung bewirkt, dass im Moment des Tauschens bzw. Verhandelns beide gleich „stark“ sind, dass nur das Interesse über den Vertragsgegenstand ihr gegenseitiges Verhalten beeinflusst – Adam will Dieses haben, Bedam will Dieses weggeben. Beide sollen die Möglichkeit haben, den Verhandlungspartner zu wechseln, um woanders eventuell günstigere Bedingungen zu finden. Dazu müssen aktual entsprechend viele alternative Teilnehmer am Markt sein. Weiterhin ist wichtig, dass die Informationen über die gegenseitigen Erwartungen erst auf dem Markt und synchron am Markt ausgetauscht werden, also allen gleichzeitig zur Verfügung stehen. Keiner soll, vormarktlich oder aussermarktlich die Marktvorbereitungen2 eines anderen einseitig beeinflussen können – das wäre eine asymmetrische Machtkonstellation, die die aktuale Gleichheit aller am Markt stören würde. So kann man auch erkennen, dass das symmetrische Marktmodell von einer Synchronizität des Marktgeschehens ausgeht – während das reziproke Marktmodell von einem asynchronen Markt, einem Nacheinander der Tauschakte ausgeht.3
Wenn diese Voraussetzungen der sozialen Symmetrie institutionell auf dem - metaphorisch gesprochen – Marktplatz am Markttag erfüllt sind, spricht man vom „vollkommenen Markt“. Der vollkommene Markt ist ein herrschaftsfreier Markt.
Dieser herrschaftsfreie, vollkommene Markt ist die Grundlage der ökonomischen Theorien von Adam Smith, des Ordoliberalismus und der angelsächsischen neoklassischen Theorie.
Wenn eine der genannten Voraussetzungen des symmetrischen Marktes nicht erfüllt ist, ist auch keine aktuale Gleichheit der Tauschpartner gegeben. Der Markt ist durch aussermarktliche Macht verzerrt – und diejenigen, die solche Machtansprüche von ausserhalb in den Markt einbringen können, können ihre Macht auf dem Markt gewissermassen „waschen“ – so wie man Schwarzgeld wäscht, indem man damit legale Geschäfte tätigt. Die Machtverhältnisse werden unsichtbar, sobald sie über den Markt gegangen sind.
Was ich im Folgenden deutlich machen will, sind die teilweise undeklarierten und unbemerkten Variationen der Bedingungen des vollkommenen Marktes durch gegenläufige Theorieentwürfe, die den Einfluss von gesellschaftlichen Machtverhältnissen maskieren. Dies soll am Beispiel von David Ricardo gegen die Theorie von Adam Smith und der Obstruktion der neoliberalen, der „österreichischen“ Schule sowohl gegen den Ordoliberalismus der Freiburger Schule als auch gegen die angelsächsische Neoklassik aufgezeigt werden.
Diese Variationen wurden teilweise überhaupt nicht bemerkt, oder es wurde nicht wahrgenommen, an welcher Stelle sie in die Modellierung des Marktmodells eingeschleust wurden und so jeweils den symmetrischen Marktbegriff zerstörten. Die neoklassische Schule geht dabei so weit, dass sie relativ offen den vollkommenen Markt als sogenannte „unrealistische“ Illusion ablehnt und ihn durch einen herrschaftsdurchsetzten Markt als einen vorgeblich „realistischen“ ersetzt. Das Ergebnis ist eine Legitimierung gesellschaftlicher Macht unter dem Etikett der Freiheit des Marktes – insbesondere dann, wenn das Volksvorurteil den Markt, ohne Wahrnehmung der stattgehabten begrifflichen Manipulation, als eine sozialethisch legitimierende Institution ansieht.
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Sehen wir im Folgenden nach, in welchen Zusammenhängen die Konzeption des ungleichen Marktes gegen die des vollkommenen Marktes ausgespielt wird. Es gibt hier nämlich einen Kampf, der seit über 200 Jahren – in ökonomischer Theorie und politischer Praxis - geführt wird. Begonnen hat er mit dem Widerspruch Adam Smith' gegen die physiokratische Lehre von Quesnais – seine Aufwertung der Arbeit zur einzigen Wertquelle, Arbeit als Eigentumsrechte an Sachen erzeugend, ist ein Angriff auf die aristokratische Behauptung, die verarbeitenden Gewerbe des Dritten Standes seien ökonomisch „steril“, also nicht Wert erzeugend. Diese Korrektur des Marktverständnisses wurde dem entsprechend zunächst als eine Sozialkritik verstanden. Doch Smith blieb nicht unwidersprochen. Und vorderhand ihm zustimmend, wird ihm auch heute noch das Wort verdreht.
Die erste Spur einer zurück gerichteten Umdefinition der Adam Smith'schen Vorgabe für einen symmetrischen Markt entdecken wir schon ganz am Beginn der ökonomischen Theoriegeschichte, bei seinem Adepten David Ricardo. Im Zentrum geht es um den Basismarkt der Ökonomie des Wohlstands, den Arbeitsmarkt und die Frage: soll der Arbeitsmarkt eine symmetrische oder eine reziproke Interaktionsstruktur haben?
Der „Adam und Schmied“ der Ökonomie hatte die Arbeitswerttheorie postuliert. Eigentum entsteht dadurch, dass die nützlichen Dinge, an denen wir ein Eigentum erstreben, durch Arbeit erzeugt werden. Das hatten auch schon andere Aufklärer, wie zum Beispiel der Philosoph John Locke behauptet. Offen bleibt insoweit aber die Frage: Wird dadurch bloss das Recht, andere vom Gebrauch dieser Sache auszuschliessen (jus excludendi), erworben, oder geht die Frage, wie wir eine Sache positiv nutzen (jus disponendi), in die ethische und juristische Fragestellung mit ein?
Präziser lautet die relevante ethische Fragestellung dabei: entsteht Eigentum durch blosse Entnahme aus der Natur, durch Aneignung herrenloser Sachen, und entsteht das „jus excludendi“ daran durch einseitige, willkürliche Rechtsdeklaration des Aneigners gegenüber dem Rest der Welt – oder wird die Aneignung dadurch legitimiert, dass sie mit Arbeit verbunden ist?
Rousseau hatte seine Klage über den Verlust des paradiesischen Naturzustandes damit untermauert, dass er unter Eigentumsrecht nur jenes jus excludendi verstand, das durch einseitige Rechtsdeklaration etabliert wird. In dem berühmten Einleitungssatz zum zweiten Teil seines Diskurses über die Ungleichheit unter den Menschen von 1755 erklärte er: „Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Das gehört mir!, und der Leute fand, die einfältig (simples) genug waren, ihm zu glauben, ist der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft.“
Dieses Verständnis von Eigentum, als nur das jus excludendi betonend, ist die Grundlage des aristokratischen Anspruchs auf den gesamten Fruchtgenuss, der nach der Entschädigung, d.h. der allernötigsten Alimentierung der Landarbeiter übrig bleibt. Die physiokratische Kreislauflehre erklärte dies den Simpeln auf 'naturwissenschaftliche' Weise. „Eigentum ist Diebstahl“ rief ihnen der Anarchist Proudhon daraufhin ins Ohr, um sie aus ihrem einfältigen Schlaf zu wecken.
Adam Smith dagegen argumentierte: es ist die Aneignung durch Arbeit, die das Ausschlussrecht am Eigentum begründet. Wir geben, während wir es der Natur entnehmen, etwas zum Vorfindlichen dazu. Es ist auch nicht, wie bei John Locke, nur bloss das Auflesen, die mehr oder weniger grosse Mühe der je Einzelnen, irgendwelche interessante Sachen aus der Natur zu entnehmen; wir reden also nicht bloss vom Pilze sammeln, Hirsche erjagen oder Bäume fällen. Smith meinte, dass wir Menschen nicht schon, wie die wilden Tiere, mit dem zufrieden sind, was wir auffinden, sondern dass wir immer besser, angenehmer und vielleicht auch mit weniger Arbeit und Mühe leben wollen – wer möchte dem widersprechen? Dabei haben unsere Vorfahren entdeckt, dass die Veränderung, Verbesserung, Verarbeitung des Vorgefundenen durch Arbeitsteilung, Kooperation, uns diesem Ziel immer näher bringt – es ist das, was man im Absolutismus als sterile Tätigkeit nicht honorieren, nur entschädigen wollte, weshalb Abbé Sieyès die Parole ausrief: Was ist der Dritte Stand? ALLES!
Arbeitsteilung und Kooperation findet statt im Rahmen des jus disponendi - „der Eigentümer kann mit der Sache tun und lassen was er will“ so steht es seit Napoleons Code Civil in jedem Bürgerlichen Gesetzbuch. Arbeit kann in zweierlei Weise in Einzelschritte aufgeteilt werden: einmal direkt unter den gemeinsam Arbeitenden abgesprochen und geplant, etwa in ihrer Werkstatt. Sobald die Arbeitsteilung aber einen grösseren Differenzierungsgrad erreicht hat, wird sie aufgeteilt in organisatorisch unabhängige Schritte; zum Teil ist dies auch erforderlich dadurch, dass die Voraussetzungen der einzelnen Arbeitsschritte an weit voneinander entfernten Orten zu finden sind, und so die direkte Verabredung nicht funktioniert. Dann werden die fertigen Ergebnisse der jeweiligen Arbeiten miteinander getauscht. Dabei kommt es auf die Tauschrelation an; und Smith stellte fest, dass der Wertmaßstab dabei die Menge, die Zeit der aufgewendeten Arbeit ist: Arbeit tauscht sich in Wert. Diesen Maßstab findet man durch das symmetrische Tauschverhältnis.
Wie hält man auseinander, was in einem Vorprodukt bereits an Arbeit steckt und was ihm in einem neuen arbeitsteiligen Schritt hinzugefügt wird? Smith beruft sich auf einen Grundsatz des römischen Rechts bei der Akzession.4 Malt ein Künstler auf ein ihm nicht gehörendes Brett (tabula) ein Bild, dann ist ein nicht trennbares Gesamtwerk entstanden. Wem gehört dies jetzt – dem Schreiner oder dem Maler? Da es nach wie vor eine 'tabula' ist, gehört es üblicherweise dem ursprünglichen Besitzer; der Hinzufüger wird aber entschädigt mit der Wertdifferenz, die seine Arbeit erzeugt hat. (Natürlich können sich die beiden auch darauf einigen, dass die tabula nun dem Maler gehören soll und der Schreiner entschädigt wird – der Wert der Kunst ist bekanntlich Geschmacksache.)
Die Art und Weise, wie man Eigentum versteht, ob als blosses Ausschlussrecht an einer Sache oder dieses negative Ausschlussrecht im Zweiklang mit dem positiven materiellen Dispositionsrecht, prägt sowohl das Verständnis der ursprünglichen Aneignung als auch das Verständnis des Tauschvorgangs. Im Tausch wird das Eigentumsrecht auf eine andere Person übertragen, dabei reproduziert sich die Methode, die als Legitimation des ursprünglichen Erwerbs dieses Eigentumsrechts angesehen wird. Wird Eigentum allein durch das Ausschlussrecht begründet, dann gilt die gleiche Willkürlichkeit, der sich die Deklaration des ursprünglich Aneignenden bediente, auch bei der Bestimmung der Tauschrelation, zu der es auf einen anderen übertragen wird. Je simpler sich dieser anstellt, desto besser für den anderen. Dieser Tausch des blossen jus excludendi benötigt die Struktur des reziproken Marktes.
Wird dagegen die Arbeit, das, was dem in der Natur vorgefundenen hinzugefügt wurde, als Legitimation des Eigentumsanspruches gesehen, dann benötigt man den symmetrischen Marktbegriff. Nicht nur wer die Macht hat, seinen Anspruch auf das Auschlussrecht zu deklarieren, (und diese Deklaration im eventuell nachfolgenden Tausch zu bekräftigen) ist qua dieser seiner Macht legitimiert, sondern jeder hat Anspruch auf die gesamte Natur – und so kann er seinen Anspruch auf einen Teil davon allein damit legitimieren, dass er im Vorgang der Entnahme, seiner partikulären Aneignung, etwas von sich dazu gefügt hat, Hegel würde sagen: er hat sich entäussert. Die Entnahme aus der Natur ist die Hinzufügung des Eigenen, nur dieses hinzugefügte Eigene ist der - sowohl moralische als auch wirtschaftliche – Wert der entnommenen Sache. Mit dem Argumentationsmuster bei der Akzession: die der Natur entnommene Sache hat zu Beginn der Entnahme den Wert Null; ihren positiven Wert erhält sie durch die Hinzufügung als dem Prozess der Entnahme aus der Natur. Das ist der ins buchhalterische übersetzte naturrechtliche Grundsatz der Aufklärung, dass jedem uneingeschränkter Zugriff auf die gesamte Natur zusteht.
Daher ist dieses Hinzugefügte der Masstab des Tauschwerts, des „Schadensausgleichs“ bei der Eigentumsübertragung. Die Deklarierung des Ausschlussrechtes geht einher mit der Ausübung des sachlich-materialen Dispositionsrechtes als Arbeit an der fraglichen Sache. Deshalb benötigt diese Art der Legitimation des Eigentums den symmetrischen Markt.
Wir sehen, dass der Philosophie der Aufklärung für die Legitimation des Eigentumsanspruches nicht allein die Willkür des Machtanspruches genügt. Ihr liegt schon die rechtliche Gleichheit, die rechtliche Symmetrie der Individuen zu Grunde. Und bemerkenswert ist auch, dass die „Natur“ einem gleichberechtigten Anspruch aller unterliegt – wobei man sich die Natur nicht bloss bildhaft als Acker, Wald oder neu entdeckte Insel vorstellen sollte.
Generell erkennen wir, dass die Art und Weise der philosophischen Darstellung jenes Prozesses der ursprünglichen Eigentumsbegründung nur die historisierende Darstellung der interaktiven Tauschstruktur ist, also eine Vorwegnahme der jeweils befürworteten Marktstruktur.
Der Wert bei Produktivitätsfortschritt
Weil die Menschen, so argumentiert Adam Smith, auch nachdem sie die Arbeitsteilung einmal erfunden haben, immer weiter besser und mühefreier leben wollen, schreitet die Arbeitsteilung voran, die Arbeit wird produktiver. Zunächst im Lauf der Generationen, dann immer schneller, weil man bemerkt, dass die Werkzeuge und Arbeitsabläufe verbessert werden können. Daher sagt Smith, dass dann, wenn durch Arbeit erzeugter Wert sich später wieder in Arbeit tauschen lässt, der dann aktuelle, neue Produktivitätsgrad der Maßstab für die Tauschrelation ist.
Liegt also zwischen dem ersten und dem zweiten Tauschvorgang ein gewisser Zeitraum, dann können zum zweiten Zeitpunkt die Tauschrelationen andere sein als beim ersten – der Arbeiter bekommt mehr Ware als er damals bekommen hätte – für die gleiche Arbeitsmenge. Der Wert der alten Waren (pro Einheit) ist gesunken, so wie auch der Wert der neuen Waren (der Zeitaufwand zur Herstellung pro Einheit) gesunken ist, und zwar gilt für beide: die Wertminderung steht in umgekehrtem Verhältnis zur Steigerung der Produktivität der Arbeit. Adam Smith betont also die aktuale Symmetrie beim Tauschvorgang, und er betont das Recht der Arbeiter, am steigenden Wohlstand teilzuhaben5.
Es ist für Adam Smith nicht so, dass die alten Waren ihren ursprünglichen Wert, die vergleichsweise viele Arbeitszeit, konstant durch die Zeit mittransportieren, und dieser unverändert in aktuelle Tauschverhältnisse eingebracht werden kann, unbeachtet der Tatsache, dass die Produktion der gleichen Waren nunmehr weniger Arbeit erfordert.
Für jemanden, der an der Börse spekuliert, ist das wenig nachvollziehbar. David Ricardo, dessen Buch „Grundsätze der politischen Ökonomie“ der zweite Meilenstein in der Entwicklung der Wirtschaftstheorie ist, war so einer. Napoleons Waterloo war Ricardos Glücksfall gewesen. Seine Spekulation in Kriegsanleihen hatte ihn zu einem der reichsten Männer der damaligen Welt gemacht.
Gleich im ersten Kapitel seiner „Grundsätze“ übt Ricardo herbe und grundsätzliche Kritik an den Gleichheitsansprüchen seines Vorgängers und Lehrmeisters:
„Adam Smith, der die ursprüngliche Quelle des Tauschwertes so genau bestimmte ... daß alle Dinge je nach der für sie verwendeten Arbeit mehr oder weniger wertvoll sind, hat selbst noch einen anderen Maßstab aufgestellt... An einigen Stellen spricht er ... von der Quantität, die sie auf dem Markt kommandieren kann: so als ob dies zwei gleichwertige Begriffe wären und als ob deswegen, weil jemandes Arbeit doppelt ergiebig geworden ist und er daher die zweifache Quantität einer Ware erzeugen kann, er notwendigerweise das Doppelte der früheren Menge dafür einzutauschen imstande ist. Wenn dies tatsächlich richtig wäre, wenn das Entgelt des Arbeiters immer dem entspräche, was er produziert, würden die auf eine Ware verwendete Menge Arbeit und die Quantität Arbeit, mit der diese Ware gekauft werden kann, gleich sein....Jedoch sie sind nicht gleich (Hervorhebung vom Autor)...Es kann daher nicht richtig sein, mit Adam Smith zu sagen....'daß nur die Arbeit niemals ihren eigenen Wert ändert und daher allein der letzte und wirkliche Maßstab ist, an dem der Wert aller Waren jederzeit und allerorts gemessen und verglichen werden kann'. Aber es ist richtig zu sagen, wie Adam Smith vorher festgestellt hat, 'daß das Verhältnis zwischen den zur Erlangung verschiedener Gegenstände erforderlichen Arbeitsmengen die einzige Grundlage zu sein scheint, aus der irgendeine Regel für den wechselseitigen Austausch abgeleitet werden kann' oder mit anderen Worten, daß es die verhältnismässige Menge der durch Arbeit erzeugten Waren ist, welche ihren gegenwärtigen oder früheren relativen Wert bestimmt, nicht aber die relativen Mengen an Waren, die dem Arbeiter im Austausch für seine Arbeit gegeben werden.“6
Ricardo macht also den Unterschied zwischen Ertrag der Arbeit und Preis der Arbeit (Lohnkosten) - Marx' Unterschied zwischen Arbeit und Arbeitskraft. Das ist aber die Trennung jener Symmetrie auf dem Arbeitsmarkt, die Smith etablieren wollte, durch die der Arbeiter am steigenden Wohlstand teilhaben sollte. Statt dessen werden die aus der symmetrischen Relation herausisolierten Tauschvorgänge vereinzelt in die asymmetrische reziproke Relation eingegliedert. Mit welcher Begründung? Durch blosse Behauptung: „Jedoch sie sind nicht gleich“.
Warum? Ricardo behauptet, dass die Arbeit als Ware (Marx nennt sie Arbeitskraft) nicht nach ihrer Leistung, sondern immer nach ihren je aktuellen Reproduktionskosten bezahlt wird - und der Arbeiter wird in diesem Jahr mit derselben Menge Nahrungsmittel satt wie im vorigen, auch wenn deren Produktion inzwischen weniger Aufwand erfordert. Infolge dieser Behauptung steht das Mehrprodukt aus der Steigerung der Produktivität der Arbeit allein der Kapitalseite zu. Aus heutiger Sicht und Kenntnis der Nahrungsproduktion ist es dann eine hilfsweise, eine den Gegensatz zu Smith rechtfertigende Argumentation Ricardos, dass eine Ausweitung der Lebensmittelproduktion auf weniger ertragreiche Gelände notwendig sei, weil sich die Plebs so 'triebhaft' und 'unvernünftig' vermehren. Die Ausweitung der Lebensmittelproduktion sei nur mit höheren Kosten, also auch mit höherem Arbeitsaufwand möglich, dies verteuere die Nahrungsmittel und damit die Reproduktionskosten der Arbeit. Den Profit davon aber haben jene Landlords, die auf den Ländereien mit hoher Bodenbonität sitzen, auf denen sich mit geringerem Arbeitsaufwand produzieren lässt - das ist die ricardosche „Theorie der Differentialrente“. Die gesamten Produktivitätsgewinne wandern, dieserart über die Eigentumsverhältnisse am unterschiedlich guten Boden vermittelt, zu den Landeignern bzw., allgemeiner gesprochen, zu den Kapitaleignern.
Gesamtwirtschaftlich stünde, so Ricardo, ein bestimmter, begrenzter „Lohnfonds“ zur Verfügung, aus dem die gesamte arbeitende Bevölkerung zu alimentieren sei. Die Beschränkung dieses Lohnfonds ergab sich argumentativ vor allem aus der seinerzeit im Schwange befindlichen Überbevölkerungstheorie des Pastors Malthus: angeblich wächst die Bevölkerung in geometrischem Verhältnis 1,2,4,8,16;... die Nahrungsmittelproduktion aber nur im arithmetischen Verhältnis 1,2,3,4,... Daraus erschliesst sich das „eherne Lohngesetz“: der Lohn der Arbeit bleibt naturgesetzlich beim Existenzminimum. Der naturgesetzliche Bevölkerungszwachs lässt eine symmetrische Beziehung auf dem Arbeitsmarkt unmöglich erscheinen.
Ebenso sei, nach Ricardos Ansicht, das Lohnverhältnis zwischen einfacher und komplizierter Arbeit, etwa zwischen Tagelöhner und Optiker, ein festgefügtes Verhältnis, so wie es sich in langer Tradition eingespielt hat. Produktivitätsfortschritte wirken sich daher nicht auf eine Differenzierung der Löhne aus, auch nicht, wenn die effektivere Produktion durch bessere Berufsausbildung eines Arbeiters möglich wird. Dafür sorgt schon die Konkurrenz zwischen den sich in geometrischer Reihe vermehrenden Arbeitern.
Der Bezug auf die angeblich 'naturwissenschaftliche' Argumentation der malthusianischen Überbevölkerungstheorie stützt die Behauptung, dass sich die Randbedingungen für den Arbeitsmarkt permanent verschlechtern und dass sich daraus 'naturhaft' dessen Asymmetrie ergäbe. Die Lohnhöhe, der aushandelbare Preis für die Arbeit, ergibt sich dann immer je nach der aktuellen, sich ständig verschlechternden Situation am Arbeitsmarkt. Die argumentativen Versatzstücke dabei sind: Differentialrente, Lohnfonds, ungünstiges Verhältnis der Bevölkerungsvermehrung zur Nahrungsmittelvermehrung. Es sind Versatzstücke einer kreislauforientierten, reziproken Argumentation, hinter der die Willkürtheorie der Eigentumslegitimation, die „ursprüngliche Aneignung“, steht.
Es ist nicht schwer, hier eine Duplizität mit der zeitgenössischen Diskussion über Vollbeschäftigung, Niedriglohnsektoren und Rentensysteme zu erkennen. Die Vorlagen der heutigen Kombilohn-Debatte kann man ebenfalls schon bei Ricardo nachlesen.
Ferdinand Lasalle glaubte an das eherne Lohngesetz, weshalb er für die staatliche Festsetzung der Löhne plädierte. Aber Lasalle hatte ja auch geglaubt, im Duell der bessere Schütze zu sein – ein für ihn tödlicher Irrtum.
Die zweite Spur einer Rückwendung vom symmetrischen zum reziproken Markt finden wir gut 100 Jahre später, im Verlauf einer illegitimen Einvernahme des Ordoliberalismus durch den Neoliberalismus mit Hilfe einer Vernebelung der Begriffe.
Walter Eucken, der Gründervater des „Ordoliberalismus“ brachte dessen Zielrichtung in seinem Vorwort für den ersten Band des Jahrbuchs „ORDO“ auf einen präzisen Nenner:
"Ob wenig oder mehr Staatstätigkeit – diese Frage geht am wesentlichen vorbei. Es handelt sich nicht um ein quantitatives, sondern um ein qualitatives Problem. Der Staat soll weder den Wirtschaftsprozess zu steuern versuchen, noch die Wirtschaft sich selbst überlassen: Staatliche Planung der Formen – ja; staatliche Planung und Lenkung des Wirtschaftsprozesses – nein. Den Unterschied von Form und Prozess erkennen und danach handeln, das ist wesentlich. Nur so kann das Ziel erreicht werden, dass nicht eine kleine Minderheit, sondern alle Bürger über den Preismechanismus die Wirtschaft lenken können. Die einzige Wirtschaftsordnung, in der dies möglich ist, ist die des 'vollständigen Wettbewerbs'. Sie ist nur realisierbar, wenn allen Marktteilnehmern die Möglichkeit genommen wird, die Spielregeln des Marktes zu verändern. Der Staat muss deshalb durch einen entsprechenden Rechtsrahmen die Marktform – d.h. die Spielregeln, in denen gewirtschaftet wird, – vorgeben."
Damit bekommt die „Marktformenlehre“ zum zweiten Mal eine entscheidende methodologische Rolle für die ökonomische Theorie, aber auch für die politische und ökonomische Praxis. Genauer: die Marktformenlehre wird zur ethischen Instanz einer demokratischen kapitalistischen Wirtschaft.
Die Marktform der vollständigen Konkurrenz hat die Metapher des Marktplatzes, bei gleichzeitiger Anwesenheit aller Anbieter und Nachfrager. Erst hier und jetzt stellt sich heraus, wieviel Waren auf dem Tisch liegen und wieviel Geld die Leute in der Tasche haben – und zwar für alle gleichzeitig.
Es ist dies das Bild des symmetrischen Marktes. Anders als die Gleichgewichtstheoretiker hält Eucken sich nicht mit komplexen mathematischen Modellkonstruktionen auf. Eucken nennt ein klares, einfaches und pragmatisches Kriterium für den vollkommenen Markt: die einzelnen Wirtschaftssubjekte nehmen für ihre Entscheidungen den, in zweiseitigen symmetrischen Verhandlungen erzielbaren Preis als ein Datum, das sie nicht individuell, planmässig beeinflussen können – ihre allein mögliche Anpassung an diese Gegenbenheiten des Marktes ist die Mengenanpassung ihrer Nachfrage oder ihres Angebotes. Ausgeglichen sind Angebot und nachfrage, wenn die erzielten Preise den Markt geräumt haben – alles ist verkauft. Die individuelle, partikuläre Beeinflussung der Angebots- bzw. Nachfragemenge der Tauschgegner ist in diesem Modell nicht möglich, bzw. soll sie durch die Marktregeln verhindert werden. Die Beeinflussung der gegnerischen Nachfrage- oder Angebotsmenge wäre, um im Bild vom Markttag auf dem Marktplatz zu bleiben, eine Einflussnahme vor und ausserhalb der Marktveranstaltung
Die Ordnungsaufgabe des Staates besteht ordoliberal darin, den Markt durch rechtliche und institutionelle Massnahmen so zu strukturieren, dass die vollständige Konkurrenz nicht durchbrochen wird. Der Markt als eine Instanz, die der Einzelne nicht manipulieren kann, ist die Garantie der liberalen Freiheit, die jedem seinen Beitrag zum Marktgeschehen als den selbst erschaffenen Erfolg zuschreiben will. Das Interesse der Ordo-Liberalen lag darin, die Vermachtung der Wirtschaft aufzuhalten. Der vollkommene Markt soll ein herrschaftsfreier Markt sein.
Nicht nur die direkten Erfahrungen von Planungs-, faschistischer Führerwirtschaft und Kriegswirtschaft aus der Kriegs-, Nachkriegszeit und Wirtschaftskrise der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts machten dieses Gebot unmittelbar plausibel.
Im Jahr 1934 hatte Heinrich von Stackelberg „Marktform und Gleichgewicht“ veröffentlicht. Darin untersucht und analysiert er, wie bei existierenden Oligopolen eine zielgerichtete Beeinflussung der Angebotsmengen des Konkurrenten zu speziellen eigenen Preisvorteilen am Markt genützt werden kann. Dazu zerbricht er die Grundsätze des symmetrischen Marktes und unterstellt ein bloss reziprokes Marktmodell, auf dem die Interaktion der Marktagenten, ihre gegenseitige Beeinflussung bzw. Interaktion prozesshaft, als ein Nacheinander in der Zeit, abläuft.
Ausgangspunkt war eine neue Betrachtung des Modells der Preisfindung auf einem „oligopolistischen Markt“, d.h. auf einem Markt, auf dem es nur wenige Anbieter gibt und somit keine vollständige Konkurrenz unter diesen. Die Nachfrager können nicht beliebig ausweichen. Der französische Mathematiker Cournot hatte schon 1838 ein Gleichgewichtsmodell für diesen Fall konstruiert. (Zwei Mineralwasserproduzenten verkaufen das gleiche Wasser aus der gleichen Quelle und beherrschen zusammen diesen Teilmarkt. Wie verteilen sich die Erträge zwischen ihnen?) Typisch für die ökonomische Gleichgewichtsanalyse ist die Annahme, dass der Markt und Vorbereitung der Marktaktivität getrennt sind als öffentliche und private Sphäre. Die Preisbildung erfolgt nur in der öffentlichen Sphäre.
Die Abänderung der theoretischen Vorgaben, mit denen Stackelberg diese Überlegungen neu aufnimmt, sind Änderungen im Verständnis der Interaktionsform des Marktes. Dies wird kaum beachtet – aber allein aus ihr ergibt sich die angebliche 'neue' Schlussfolgerung für die Theorie der Preisbildung. Nahezu unbemerkt wird dadurch das gesamte liberale Verständnis des kapitalistischen Wirtschaftens in ihren Gegensatz verdreht!
Stackelbergs Umkonstruktion des Marktmodells geht in zwei Schritten vor:
1. zunächst schränkt er, wie auch schon Cournot vor ihm, die Betrachtung ein auf den oligopolistischen Markt. Damit schon ist die erste Schranke gegenüber dem vollkommenen Markt beseitigt: der oligopolistische Markt ist dadurch gekennzeichnet, dass das Oligopol eine Verschiebung der volkswirtschaftlichen Markterlöse insgesamt (allgemein: das Sozialprodukt) in Richtung seiner eigenen Branche bewirkt. Diese Beurteilung kann zwar nur im Vergleich des oligopolistischen mit dem vollkommenen Markt erfolgen – ohne Maßstab keine Messung. Diese Einschränkung trifft auch auf die Cournotsche Betrachtung zu.
Für Cournot war aber immer noch die Frage, ob sich innerhalb dieses, durch das Oligopol vom Gesamtmarkt abgetrennten Branchenmarktes, zwischen den Oligopolisten ein dem vollkommenen Markt analoges Gleichheitsverhältnis entwickelt. Dann würden beide zu gleichen Grenzkosten produzieren und, da der Markt den Preis bestimmt, beide auch die gleichen Erlöse erwirtschaften. Das wird durch den „Cournotschen Punkt“ der mathematischen Modellbetrachtung bestätigt. Dieses Ergebnis ist darauf zurückzuführen, dass beide Konkurrenten erst auf dem Markt (am 'Markttag auf dem Marktplatz') miteinender konkurrieren. Der Gleichgewichtsanalyse liegt die scharfe Trennung von Produktionssphäre und Marktsphäre, von Vorbereitung des Marktauftritts und dem synchronen Marktauftritt aller, von Privatsphäre und öffentlicher Sphäre zu Grunde.
2. Stackelberg dagegen verschiebt die Interaktion der Konkurrenten von der öffentlichen Marktsphäre in die, den Marktauftritt vorbereitende, private Produktionssphäre. Nun liegt der „Wettbewerb“ darin, dass sich die Konkurrenten gegenseitig beobachten, während sie ihren Marktauftritt vorbereiten. Die Information über die Absichten des Konkurrenten fliessen in die eigene Planung, Gestaltung und Produktion der (danach) auf den Markt zu bringenden Mengen ein mit dem Ziel, dort für sich selbst eine nach Grenzkosten optimale Menge anzubieten und zu verkaufen. Diese Ziele werden nun jedoch in Abhängigkeit der beim Konkurrenten beobachteten vormarktlichen Aktivitäten festgesetzt. Es geht um die Verteilung des Gesamterlöses auf diesem oligopolistischen Branchenmarkt zwischen den beiden Konkurrenten, die ihn zusammen komplett beherrrschen.
Konträr zu den bis dahin gängigen theoretischen Modellierungen unterstellte Stackelberg, dass durch die Aktion eines Dyopolisten („Stackelberg-Führer“) dessen Gegner („Stackelberg-Folger“) zu Mengenanpassungen provoziert werden kann. (Beim Dyopol sind nur zwei Anbieter vorhanden; es ist ein vereinfachender Sonderfall des Oligopols). Stackelberg setzt eine zeitlich asymmetrische Informationslage über die jeweiligen vormarktlichen Aktionen der Konkurrenten voraus (Adam tut X, was Bedam beobachtet und worauf er mit Y reagiert, worauf wieder Adam mit Z reagiert usw.).
Das heisst, die wirtschaftlich relevante Interaktion findet in einem aussermarktlichen Bereich statt; diese aussermarktliche Asymmetrie wird dann auf dem „Markt“ positiv legitimiert. Das „Schwarzgeld“ der Marktmacht wird gewaschen zu „weissem Geld“.
Dagegen war Cournots Analyse oligopolistischer Marktverhältnisse, wie die gesamte Marktformenanalyse bis in die 1930er Jahre, davon ausgegangen, dass der individuelle Marktagent die Angebotsmengen des Konkurrenten nicht direkt und vormarktlich beeinflussen kann – Stackelberg aber veränderte genau diese Voraussetzung, und so übersteigt natürlich im „Stackelberg-Gleichgewicht“ der Gewinn des „Stackelberg-Führers“ den Gewinn gegenüber dem Gewinn im „Cournotschen Punkt“.
Unter den genannten Voraussetzungen des ursprünglichen wirtschaftsliberalen Denkens, dass es keinem Marktteilnehmer möglich sein soll, das Verhalten der anderen direkt zu steuern, ergibt Counots Analyse, dass sie beide jene Mengen ausbringen, die sie bei identischen Grenzkosten erzeugen.
So bewirken die symmetrischen Marktprinzipien, auch im Oligopol, die gleiche Kostenstruktur und ermöglichen somit ein Kritrium zur Beurteilung der Allokation der Güter. Unter der Voraussetzung der symmetrischen Betrachtungsweise erst erhält man ein Kriterium, durch das eine 'optimale Allokation' bestimmbar wird. Ohne ein solches Kriterium ist die Rede von einer „optimalen Allokation“ der Güter und Produktionsfaktoren sinnleer.
Stackelbergs Modifikation der mathematischen Modellkomponenten des „Cournotschen Punkt“ ist also nicht etwa eine neue, oder erweiterte, oder verbesserte Erkenntnis bisher unbekannter ökonomischer Zusammenhänge, sondern allein die rechnerisch-tautologische Umsetzung einer abgeänderten ordnungspolitischen Voraussetzung. Und diese veränderte vorausgesetzte Annahme gilt der Marktstruktur: es ist die Unterstellung, dass der 'first mover' durch aussermarktliche strategische Aktion die Marktsymmetrie in seinem partikularen Interesse aufbrechen kann. Es ist die Voraussetzung der Asymmetrie des reziproken Marktes, der Katallaxie, des nicht herrschaftsfreien, sondern des machtinfizierten Marktes.
Mit Hilfe solcher asymmetrischen Strategien können Sondergewinne erwirtschaftet, gegnerische Kostenstrukturen einseitig beeinflusst und Marktverzerrungen zum eigenen Vorteil (für die Erzielung einer „Monopolrente“) evoziert werden. Der 'Stackelberg-Führer' dominiert die Aktionen des Konkurrenten durch eigene Aktion, er macht sich und seine Entscheidungen einseitig unabhängig von den Marktdaten. Mit den erzielten Sondergewinnen kann die eigene strategische Marktmacht weiter ausgebaut werden.
In der Konsequenz führt eine Wirtschaft, die dem strategischen Laissez-faire ohne Neutralisierung von Marktmacht überlassen ist, zu einer Steuerung und Lenkung der Volkswirtschaft durch Interessengruppen, d.h. zu einer fortlaufenden Verstärkung einer anfänglichen Ungleichheit am Markt – das Ende der ordoliberalen Idee. Der „freie“ Wettbewerb ist das Ende des Wettbewerbs in Freiheit und formeller Gleicheit.
Die Stackelbergsche Modfikation des Marktmodells ist bei genauer Betrachtung die Aufhebung der Institution „Markt“ als einer Institution, die eine, im Tauschvorgang bzw. in der Verhandlung des Tauschvertrags aktuale Gleichheit der Verhandlungsmacht gewährt. Ursache ist die Aufhebung der Trennung zwischen öffentlicher Marktsphäre und privater Sphäre der Vorbereitung des Martauftritts und die Verlagerung der gesellschaftlichen Interaktion in die vormarktliche Sphäre.
Mit der Abkehr vom vollkommenen Markt, als dem idealtypischen Grundmodell der ökonomischen Theorie, rückt ins Zentrum der wirtschaftstheoretischen Argumentation die einzelwirtschaftliche, strategisch organisierte Optimierung der Informationsgewinnung – denn es sind einseitige, asymmetrische Informationsvorsprünge, die die Beeinflussung der gegnerischen wirtschaftlichen Aktivitäten ermöglichen.
Dem freien Markt wird, neoliberal, generell die Funktion der Informationsgewinung und der Umsetzung von Information zugesprochen, während, ordoliberal, die synchrone und symmetrische Information – oder das symmetrische Informationsdefizit7 – Voraussetzung seines Funktionierens ist. Die aus militärischen Strategieplanungen erwachsene Spieltheorie übernimmt in der Folgezeit die Funktion der Gleichgewichtsanalyse, strategisches Denken, dem das gesellschaftliche Modell des Krieges aller gegen alle zugrunde liegt – und nicht mehr das gesellschaftliche Modell des herrschaftsfreien Diskurses am Markt.
Die Frage ist nun, ob es sich bei der Stackelbergschen Strategievariante der wirtschaftlichen Interaktion überhaupt noch um „Markt“ handelt, oder ob „Markt“ generell nur als „vollkommener Markt“ verstehbar ist. Setzt man das Strategiespiel mit dem Markt gleich, dann könnte man auch eine offene Feldschlacht als „Marktkonkurrenz“ beschreiben: geht es dabei doch darum, im „freien Spiel der Kräfte“ herauszufinden, wie stark der Gegner ist. Wie seit General von Clausewitz bekannt, ist im Krieg der entscheidende Faktor von Strategie und Taktik die Information über die geplanten Aktivitäten des Gegners.
Der Ordoliberalismus wollte jede solche Entwicklung zu Machtballungen unterbinden; das ist die dem Staat zugedachte wirtschaftsliberale Aufgabe: die Entstehung von partikularer Marktmacht zu verhindern durch entsprechende Moderation des ökonomisch-rechtlichen Rahmens der privaten ökonomischen Aktivitäten. Die Bewahrung der allgemeinen bürgerlichen Freiheit unter Abwesenheit von partikulärer Marktmacht sollte durch die Etablierung und institutionelle Absicherung der symmetrischen Tauschverhältnisse im vollkommenen Markt gewährleistet werden.
Die neoliberale Bewegung dagegen, die bereits 1938 erste Formierungsbemühungen erkennen liess (beim Colloque Walter Littmann in Paris), verfolgte auf dem Hintergrund der „österreichischen Schule der Volkswirtschaftslehre“ gerade die dem Ordoliberalismus gegenteiligen Ansichten. Verwirrender Weise benützten beide Schulen gleiche Begrifflichkeiten, die jedoch in zentralen Termini einen kontradiktorischen Gehalt haben. So sind die beiden grundlegenden und über die gesamte theoretische Schlussfolgerungskette entscheidenden Termini „Grenznutzen“ und „Markt“ blosse Homonyme. Aus dieser anfänglichen, selten bemerkten begrifflichen Differenz – und ausschliesslich aus ihr - ergibt sich später die Gegnerschaft von Monetarismus und Keynesianismus.
Die Ordoliberalen wurden zunächst in die neoliberale Formierungsbewegung der Mont-Pélerin-Gesellschaft (gegründet auf Initiative F.A. v.Hajeks 1947) integriert; doch schon bald (1961/62) brach der Dissens auf. Wilhelm Röpke, der von Genf aus die soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards stark beeinflusst hatte, legte seine Präsidentschaft nieder und kapitulierte gegenüber den „Österreichern“ Friedrich v.Hajek und Bruno Leoni. Von nun an prägte die „österreichische Schule der Volkswirtschaftslehre“ den Neoliberalismus.
Die dritte Spur der Abwendung vom symmetrischen Markt:
Nach dieser internen Frontbegradigung wurde der nächste Gegner der österreichischen Schule ins Visier genommen: der Keynesianismus. Lord Keynes war so freundlich gewesen, von Hajek nach Cambridge einzuladen, lies ihn in seiner ausgebauten Scheune wohnen und verschaffte ihm auch eine Position an der London School of Economics.
In denselben Punkten wie gegenüber dem Ordoliberalismus steht die Österreichische Schule auch gegenüber der angelsächsischen Neoklassik in konträrer Position: bei den theoretischen Grundlagentermini der Grenznutzentheorie, durch die der freie, der vollkommene Markt als eine Gerechtigkeit und Freiheit erzeugende Institution definiert wird.
Die keynesianische Lehre ist das Endglied in der Entwicklung der angelsächsischen neoklassischen Lehre. Deren Anfangsglied – historisch als auch methodisch - ist die Marktformenlehre von Stanley Jevons, die den Grenznutzenbegriff von Heinrich Gossen einschliesst d.h. die Lehre vom vollkommenen, vom herrschaftsfreien Markt. Die angelsächsiche Neoklassik ist darin ein Nachkomme der englischen Aufklärer.
Schauen wir zunächst, wie dieser vollkommene Markt begrifflich konstruiert ist:
Jevons' „Gesetz von der Unterschiedlosigkeit der Preise“ beschreibt einen vollkommenen Markt, auf dem keinerlei räumliche, zeitliche, persönliche und sachliche Unterschiede8 zwischen den relativen Positionen der Marktteilnehmer bestehen, also eine aktuale soziale Gleichheit im Tauschdiskurs besteht. Es ist das Bild vom Markttag auf dem Marktplatz. Die Preise, die bezahlt oder erzielt werden, sind für gleiche Waren tendenziell gleich – egal, an welchem – bildhaft gesprochen – Marktstand sie ausgehandelt wurden.
Aus den Kriterien, die den vollkommenen Markt formal beschreiben, ergibt sich eigentlich schon die einheitliche Information der Marktteilnehmer, die damit als eine vollkommene Information9 bezeichnet werden kann. Es handelt sich um ein argumentatives Modell, anhand dessen die Tendenz zum Gleichgewichtspreis, bei dem der Markt geräumt wird, alle Waren ausverkauft sind, aufgezeigt werden kann.
Die beiden Gossenschen Gesetze formulieren ergänzend zu der Jevons'schen objektiven Marktstruktur jene Eigenschaften bzw. Kompetenzen, die die Subjekte autonom entscheidungsfähig machen, also die subjektive Seite, die sie kompetent macht, als Teilnehmer eines vollkommenen Marktes aufzutreten.
Es handelt sich um das erste Gossensche Gesetz: der Nutzen eines Gutes vermindert sich mit jedem zusätzlich genossenen Teil (abnehmender Grenznutzen).
(Beispiel: nach einer langen Wanderung sitze ich am Gasthaustisch. Ich habe drei leckere Schinkenbrote vor mir. Die erste Scheibe esse ich mit Heisshunger, die zweite mit gutem Appetit, bei der dritten lege ich nach der Hälfte das Besteck beiseite, ich bin satt, der Rest hat keinen Nutzen mehr für mich - also werde ich auch keinen weiteren Schinkenteller nachbestellen)
Das zweite Gossensche Gesetz besagt, dass das Individuum verschiedene Güter nach Massgabe subjektiv gleicher Nutzeneinheiten unterteilt und sie so vergleichbar macht (Homogeniät der Güter) – sowohl für seine eigene Genussoptimierung, als auch für die Kommensurabilität mit den Nutzenschätzungen seiner Tauschpartner.
(Beispiel: ich möchte in der Bäckerei drei Brezeln kaufen. „Brezeln sind aus“ sagt die Verkäuferin. „Geben Sie mir stattdessen zwei Mohnbrötchen“ sage ich. Damit habe ich Mohnbrötchen mit Brezeln, einmal was ihre Funktion für meinen Appetit anbelangt, vergleichbar gemacht; ich habe sie auch quantitativ im Verhältnis 2:3 vergleichbar, kommensurabel gemacht. Ich hätte auch in die nächste Bäckerei gehen können, und dort Brezeln kaufen, auch wenn mir etwa von früher bekannt ist, dass diese nicht so rösch sind . Dann hätte ich die röschen Brezeln des ersten Bäckers mit den laschen des zweiten Bäckers kommensurabel gemacht.)
Das zweite Gossensche Gesetz ist die Unterstellung, dass jedes bürgerliche Individuum selbstkompetent ist zur Bestimmung seiner Wünsche und für die Fähigkeit, diese mit denen anderer vergleichbar zu machen. Es bringt dadurch seine Kompetenz mit in den Markt, sich in eine symmetrische Beziehung zu anderen Individuen zu stellen.
Die Umstände, die Jevons' Marktregeln beschreiben, kennzeichnen dazu das objektive Arrangement von Symmetrie und Transitivität in dem sozialen Diskurs- oder Interaktionsfeld „Markt“. Dieses objektive Markt-Arrangement erst bewirkt, dass wir jedem Marktteilnehmer seinen Egoismus belassen können; er muss sich keiner ethisch-moralischen „Läuterung“ unterziehen. Er muss sich nur kommunikativ verständlich machen können, also seine Wünsche und Äusserungen allgemeinverständlich formulieren und klassifizieren können10. Der vollkommene Markt funktioniert als Gerechtigkeitsinstanz, als Machtneutralisierung auch ohne moralisches Engagement in Form einer „Selbstlosigkeit“ von Gutmenschen.
Auf der subjektiven Seite gehen beide Marktstrukturen – die reziproke als auch die symmetrische - von denselben Motiven aus: ein Jeder will das Maximum für sich selbst. Die reziproke Marktstruktur lehnt dabei aber ab, dass die Wünsche vergleichbar gemacht werden – das zweite Gossensche Gesetz soll nicht gelten. So bleibt der Nutzen einer Sache nur dem selbst einsichtig, der sie haben will – ein Grundsatz des sog. „methodischen Individualismus“.
Die Vergleichbarkeit der Wünsche, die intersubjektive Nachvollziehbarkeit der individuellen Nutzenschätzung, die durch das 2. Gossensche Gesetz unterstellt wird, ist daher ausschliesslich Merkmal des symmetrischen Tauschverhältnisses.
Der Weg zu Keynes: makroökonomische Folgerungen aus dem vollkommenen Marktmodell
Die weitere Entwicklung und Ausdifferenzierung der angelsächsischen Theorie ergab schliesslich die Möglichkeit, dass sich eine „Konsumentenrente“ erkennen lässt (Alfred Marshall).
Die Konsumentenrente ist ein „überraschender“, nicht einseitig plan- und evozierbarer Vorteil des Käufers am vollkommenen Markt. Sie entsteht dadurch, dass einerseits, eben aufgrund des symmetrischen Marktes, die Produktionskosten (= der negative Nutzen) gegeben sind, andererseits der Käufer einen höheren subjektiven Nutzen erzielt, als er erwartete.
Diese Kalkulation kann aber nur dann aufgestellt werden, wenn man: 1) zwischen dem subjektiven Nutzen und damit dem „Reservierungspreis“, den der einzelne Nachfrager zu zahlen bereit gewesen wäre und 2) dem objektiven Gleichgewichtspreis unterscheiden kann. Da jedoch der Gleichgewichtspreis nur mit der Argumentation über einen vollkommenen Markt festgestellt werden kann, kann auch dessen Differenz zum Reservierungspreis, die Konsumentenrente, nur auf dem Hintergrund der institutionellen Existenz einer Marktsymmetrie festgestellt werden.
Die Konsumentenrente gibt Spielraum für sozialstaatliche Umverteilungen, den Gewinn der einen, ohne dass – nach der Pareto-Formel – ein anderer einen Schaden erleidet. Unter diesem Kriterium ist die wohlfahrtstaatliche Argumentation auch mit einem reziproken Markt zu vereinbaren. Mit dieser staatlich organisierten Neuallokation der gesamtwirtschaftlichen Konsumentenrente kann das Niveau der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt, die Summe aller Einzelnutzen, gesteigert werden (Pigou). Umgekehrt kann, ebenso pareto-neutral, eine Produzentenrente, die aus monopolistischer Marktmacht gezogen wurde, abgeschöpft werden und der Schaden, den diese durch Minderung der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt anrichtet, ausgeglichen werden.
Diese wohlfahrtstaatliche Argumentationsweise kann von der neoliberal- monetaristischen Schule überhaupt nicht nachvollzogen werden – schlicht und einfach nur deswegen, weil von ihr das faktische Tauschverhältnis nicht 'objektiv' beurteilt werden kann, sondern so, wie es eben sich ergíbt, als unkritisierbares und unbeurteilbares Verhältnis akzeptiert werden muss. Es gibt für die neoliberale Theorie keine Konsumentenrente.
Wir sehen hier die enorme Bedeutung für das gesamte wirtschaftstheoretische, wirtschaftspolitische und sozialethische Argumentieren, die sich aus den grundlegenden Begrifflichkeiten der Wirtschaftswissenschaft ergibt.
Dadurch, dass die Worte „Grenznutzen“ und „Markt“ sowohl in der angelsächsichen Neoklassik als auch von der österreichischen Schule benützt werden, geht das Bewusstsein davon unter, dass sie nur Homonyme sind, aber völlig unterschiedliche, ja kontradiktorische Inhalte bezeichnen. Diese Begriffsverwirrung lässt die gesamte Diskussion zwischen den Anhängern dieser beiden Schulen, dem Keynesianismus und dem Neoliberalismus, irrational werden.
„Grenznutzen“ ist österreichisch, also nach gängiger Formulierung: neoliberal-monetaristisch, ausschliesslich durch das 1. Gossensche Gesetz bestimmt; das 2. Gossensche Gesetz, die Homogenität, die intra- und interpersonale Vergleichbarkeit der Güter, wird nicht anerkannt. Einzig aus diesem Dissens in den Grundbegriffen können die makroökonomischen Argumentationen für eine pareto-neutrale Umverteilung mit gesamtwirtschaftlicher Nutzenmehrung durch die neoliberale Theorie nicht nachvollzogen werden. Dieser Dissens hat seine Ursache darin, dass die neoliberale Theorie den herrschaftsbestimmten, nicht den herrschaftsfreien, vollkommenen Markt als Grundbegriff wählt.
Mit dem Verzicht auf das Grundmodell des vollkommenen, des herrschaftsfreien Marktes wird die jeweilige realisierte Tauschrelation als faktische zugleich die ideale Tauschrelation. „Faut de mieux il faut coucher avec sa femme“. Kein einzelner Tauschvorgang kann mit einem anderen Tauschvorgang verglichen, als gleich oder ungleich beurteilt werden. Jeder Tauschvorgang steht vereinzelt für sich. Damit kann auch keine Marktmacht identifiziert werden, und die Rede von Macht- oder Herrschaftsfreiheit des Tausch- und Verhandlungsvorgangs wird sinnlos.
Jede Argumentaton aus einer begrifflichen Differenzierung zwischen faktischem Preis und einem objektiven Preis, nenne man diesen nach Belieben 'natürlichen', 'gerechten' oder 'Gleichgewichtspreis', wird unmöglich. Sie kann – auf dem unreflektierten Hintergrund der österreichischen Definitionen – als nur ideologische, partikuläre Bereicherungsargumentation verleumdet werden. Jede Einkommensverteilung, die nicht auf einen isolierten Tauschvorgang zwischen zwei Individuen zurück geht, erscheint, neoliberal, als ein Verstoss gegen die einzige anerkannte, weil einzig vorhandene Instanz, die eine Tauschrelation als ökonomisch richtig feststellen kann – der faktisch vorgenommene Tausch zum faktisch bezahlten Preis unter faktisch gegebenen Marktmachtverhältnissen.
Umgekehrt nimmt der neoliberal de-institutionalisierte Markt jede Möglichkeit, eine gesamtwirtschaftlich objektive Allokation der Güter zu beurteilen. Die neoliberale Behauptung, der deregulierte Markt stelle die optimale Güterallokation sicher, ist eine, mangels jeden Kriteriums, ganz grundsätzlich nicht belegbare Behauptung, reine und völlig inhaltsleere Tautologie, und muss damit als ideologische Behauptung bezeichnet werden. Sie macht sogar blind gegen die an Schlichtheit nicht zu überbietende Beobachtung, dass eine hohe Unterbeschäftigung den möglichen gesamtgesellschaftlichen Nutzen mindert.
Da an dieser Stelle die Homonymie von „Grenznutzen“ und „Markt“ den unterschiedlichen Inhalt der ökonomischen Grundbegriffe in den gegenerischen Schulen verdeckt, bleibt statt Argumentation blosse Polemik. Die österreichische bzw. neoliberale Schule lässt von den genannten Begriffsbestimmungen des vollkommenen Marktes überhaupt keine gelten; sie spottet über das „Nirvana Prinzip“ (Demsetz) der vollkommenen und ubiquitären Information am Markt – weil sie diese nicht als regulatives Prinzip eines symmetrisch organisierten Marktdiskurses verstehen kann. Sie kann dieses Verständnis aus methodologischen Gründen nicht aufbringen, ihr terminologische Apparat kann es nicht erfassen – ihr gilt das empirische Faktum des singulären Tauschvorgangs als normativ.
Wenn man 'österreichisch' bzw. neoliberal von Markt spricht, dann spricht man, wie Ludwig v. Mieses und F.A.v.Hajek, von einer „Katallaxie“, vom ausserhalb jeder allgemein verbindlichen Interaktionsstrukturen stattfindenden, rein faktischen Verhandlungsverhalten der Marktteilnehmer. „Eine Katallaxie ist so die besondere Art spontaner Ordnung, die vom Markt dadurch hervorgebracht wird, daß Leute innerhalb der Regeln des Eigentums-, Schadensersatz- und Vertragsrechts handeln.“ (Hajek). Was hier „spontane Ordnung“ heisst, ist die strategische Spontaneität der isolierten Interaktion – ausserhalb eines durch das Arrangement vollkommenen Marktes.
Als Tabu der einsetzbaren Marktmacht gilt neoliberal allein die direkte Gewalt und die Verletzung allgemeiner gesetzlicher Regeln; diese unterliegen dem Monopol des Staates. Wirtschaftliche Macht und Einflusspotential ist legitim einsetzbar zur Beeinflussung des gegnerischen Tausch- und Verhandlungsverhaltens. Dagegen führt die angelsächsische Definition der ökonomischen Grundbegriffe die Theorie dahin, Machtpotentiale am Markt durch systemische Strukturen zu neutralisieren, weil für sie deren Nutzung als illegitim gilt.
Die neoliberal geforderte Deregulierung des Marktes ist tatsächlich die Zerstörung des angelsächsisch-neoklassischen Markt- und Wirtschaftsmodells. Die Idealvorstellung einer Macht neutralisierenden Institution, der herrschaftsfreie Markt, wird ersetzt durch das austro-neoklassische Marktmodell der „Katallaxie“ als de-facto-Tausch.
Eine vor-theoretische Entscheidung: Marktmacht oder herrschaftsfreier Markt
Keinerlei Argumentation pro und kontra einer unterschiedlichen Effizienz der beiden Wirtschaftsmodelle kann auch aus eventuellen Ergebnissen ökonomischer Empirie abgeleitet werden. Es ist nicht möglich, in ökonomischer Terminologie, d.h. aus einem der beiden Modelle heraus, 'für' oder 'gegen' das jeweils andere zu argumentieren – das neoliberale Modell gibt keine Kriterien an die Hand und anerkennt nicht die Kriterien gesamtgesellschaftlicher Wohlfahrt, die angelsächsisch bzw. keynesianisch anwendbar sind, und das angelsächsische Modell würde sich selbst aufgeben, wenn es für die Aufhebung des Marktes als Ordnung der Freiheit ohne partikuläre Macht argumentieren würde.
Die Argumentation, die jeweils für oder gegen neoliberal respektive angelsächsich geführt werden kann, ist und bleibt eine proto-theoretische Argumentation, eine vor-ökonomische Entscheidung über die in einer Gesellschaft gelten sollende Ethik: Macht oder Moral als Regulationskriterium der interpersonalen Beziehungen – das ist die Entscheidung, welche die ihr entsprechende Gesellschaft überhaupt konstitutiert.
Es ist dann die Frage, ob aus der jeweiligen Ethik heraus eine eindeutige Entscheidung erarbeitet werden kann. Ein Einwand jedoch ist selbstevident: gegen den Anspruch, herrschaftliche Macht ausüben zu wollen, lässt sich nicht argumentieren, sondern bestenfalls, und dann auch recht hilflos, apellieren. Herrschaft lebt in und durch die Tat, nicht im herrschaftsfreien Dialog.
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Die zwei Ethiken
Die alternative ethische, proto-theoretische Entscheidung weist uns darauf hin, dass beide Theorietraditionen in unterschiedlichen philosophisch-ethischen Traditionen verankert sind.
Bisher ist klar geworden, dass Ethik als eine Ordnung zwischenmenschlicher Interaktion am Markt unvermeidliche Grundlage der ökonomischen Theorie ist. Anders formuliert: die ökonomische Theorie ist angewandte Ethik, in die Institutionen des Marktes transformiert. Und es ist zu entscheiden, ob es sich dabei um eine Machtethik oder um eine Gleichheitsethik handeln soll.
Alle möglichen Erkenntnisleistungen der auf dieser oder jener Vorentscheidung aufgebauten ökonomischen Wissenschaft sind argumentative Konsequenzen dieser Vorentscheidung, sie sind deren tautologisch-technokratische Variationen. Jegliche ökonomische Argumentation, sei sie theoretisch-abstrakt oder politisch-praktisch, ist von dieser Vorentscheidung determiniert. Die Vorentscheidung zu Gunsten der Machtethik wird sich in einer tendenziellen Verstärkung der ökonomischen und gesellschaftlichen Machtstrukturen erweisen, die Entscheidung zu Gunsten der Gleichheitsethik in einer ökonomisch-sozialen Gleichberechtigung. In beiden Fällen wird sich die ökonomische Theorie selbst bestätigen – soweit die machtbasierte Variante sich nicht selbst zerstört, indem in einem finalen Stadium der Tendenz zur Machtverstärkung die interpersonale Macht ubiquitär geworden und ein freier Markt verschwunden ist.11
Ist diese proto-theoretische Entscheidung für die Macht- oder die Gleichheitsethik also eine beliebig-dezisionistische, eine unbegründbare, willkürlich bleibende Entscheidung? Worum genau dreht sich diese vortheoretische Entscheidung? Oder gibt es zwingende methodologische und philosophische Gründe für die eine oder die andere?
Wie wir eingangs dieser Betrachtungen schon gesehen haben, können wir dazu zwei diskursive Regulierungen unterscheiden: einmal die reziproke Diskursordnung, zum anderen die symmetrische Diskursordnung. Mit dem Rückgriff auf die formale Relationentheorie und die dort angebotenen zwei Möglichkeiten der Bildung einer sozialen Äquivalenzrelation (hier: Gleichheit im Tauschverhandeln) haben wir ein sicheres methodisches Analyse- und Konstruktionsinstrument zur Verfügung. Ein festes methodisches Fundament ist Vorausetzung, um die ethischen Elemente der sozialen Beziehungen für eine klare und distinkte Argumentation darzustellen. Der Einbau der praktisch-philosophischen Elemente in die Sozialwissenschaft ist bisher noch nicht in der erforderlichen methodologischen Stringenz gelungen. Das hat dazu geführt, dass statt der nötigen Klarheit und Deutlichkeit der ethischen Grundentscheidungen ein verwachsenes Dickicht von gegenseitigen Ideologievorwürfen die Diskussion verdirbt und eine klaren, verbindlichen, allgemein gültigen, nachvollziehbaren methodischen Aufbau der Fachterminologie unmöglich macht.
Die beiden grundlegenden Ethiken sind, in der Rekonstruktion als Diskursstrukturen: die aufklärerische Ethik der individuellen Selbstverallgemeinerung einerseits und die systemische Ethik der individualistischen Selbsteinordnung.
Die symmetrische Diskursordnung lässt sich ohne grössere Interpretationsleistungen verstehen als jenes Verfahren der moralischen Entscheidungsfindung, das Adam Smith in seiner „Theory of Moral Sentiments“ entwarf. Unsere soziale Symmetrie ist dort die „Sympathy“, das subjektive Vermögen, sich in die Position des Anderen zu versetzen und die strittige Angelegenheit mit dessen Augen, aus dessen Interessenlage heraus zu betrachten und zu beurteilen. Wird das Ergebnis dieses symmetrischen Diskurses einem Dritten – unserem Cedam – vorgelegt, und ist dieser ebenfalls zur „Sympathy“ befähigt, so ist dessen Urteil darüber verallgemeinerungsfähig, es kann als „vernünftig“ und „gerecht“ gelten. Da zwischen den beiden ersten Kontrahenten Adam und Bedam eine Symmetrie erzeugt wurde, ist die Reihenfolge, in der sie ihre Meinung dem Dritten vortragen, irrelevant. Die Symmetrie hat die Bedeutung der sozialen Rangordnung, der Ordnung der Macht, negiert. Unser „Cedam“ wird dadurch zum „unbeteiligten Dritten“ des Adam Smith, zu einem neutralen Schiedsrichter. Man kann, so Smith, von jedem zur Vernunft Befähigten erwarten, dass er dessen neutralem Urteil zustimmt. Es ist dies der aufklärerische Vernunftbegriff, wie er auch bei Kant12 zu finden – aber schwieriger zu erschliessen – ist. Grundlage der Ethik der Aufklärung, gleichgültig welcher Provenienz, ist das Verallgemeinerungsgebot, die Formel der Verallgemeinerung, also nichts anderes als die Verbannung partikulärer Macht aus den Beziehungen zwischen freien Bürgern. .
Es ist ein Vernunftbegriff für eine offene Gesellschaft der Gleichberechtigung. Er baut auf die Fähigkeit des Individuums, selbst Gesellschaft zu konstitutieren, aus eigener Initiative in verallgemeinerungsfähige Beziehungen zu anderen Individuen zu treten, ohne dabei auf bestehende materiale Systemstrukturen sich beziehen zu müssen.
Die Ethik des reziproken Systemdenkens dagegen geht historisch zurück auf die gegenaufklärerische systemische „Ethik des Ganzen“, wie sie seinerzeit in ausdrücklicher Opposition zum kantischen kategorischen Imperativ von Bernard Bolzano formuliert wurde, sich so in der Tradition der „österreichischen Philosophie“13 über Franz Brentano fortsetzte und von dort über Carl Menger in die österreichische Schule der Volkswirtschaftslehre Eingang fand.
Bernard Bolzanos ethischer Imperativ lautet:
“Handle immer so, wie es das allgemeine Beste, oder das Wohl des Ganzen erfordert.”14 Eine weitere Formulierung: „Wähle von allen dir möglichen Handlungen immer diejenige, die, alle Folgen erwogen, das Wohl des Ganzen, gleichviel in welchen Theilen, am meisten befördert.“15 Das ist nichts anderes als das Pareto-Prinzip. Ich selbst bin Teil des Ganzen; befördere ich mein Wohl, ohne das eines anderen zu beschädigen, habe ich das Wohl des Ganzen gefördert. Man kann Bolzanos Prinzip auch mit der „Goldenen Regel“ übersetzen: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge keinem andern zu. Oder: was keinem schadet, ist erlaubt, unter den gegebenen und anzuerkennenden Umständen – das Moralprinzip des „methodischen Individualismus“ in nuce.
Kant weist darauf hin, dass die Goldene Regel kein universelles Moralprinzip ist, das die eigene Handlung verallgemeinerungsfähig macht: sonst könnte damit der Mörder gegen seinen Richter argumentieren.16
Bolzanos Moralprinzip ist das Prinzip des praktischen und „methodischen Individualismus“. Die Handlung ist individuell gewählt, sie wird ausgewählt aus einem, hier und jetzt, empirisch vorgegebenen Repertoire möglicher Handlungen; das Moralkriterium dabei ist: der Bestand und widerspruchsfreie Erhalt eines faktisch gegebenen sozialen Systems, in das sie sich konfliktfrei einzupassen hat. Die Handlung im Zeitraum T2 hängt ab von dem im Zeitraum T1 gegebenen Handlungsrepertoire; dieses ist nicht hinterfragbar. Das System und das Repertoire möglicher Handlungen ist gegeben; als Akteur tritt allein das Individuum mit einer (Aus-) Wahlhandlung ins Blickfeld.
Systemkritik aus methodisch-individualistischer Perspektive ist derart nach dem Bolzano-Prinzip nicht möglich. Allenfalls ist eine gesamtheitliche Kritik denkbar, die die Funktionalität des Systems als Ganzes betrifft, die als technokratische Kritik auftritt und per „Sachzwang“ argumentiert – doch diese kann nicht aus den in das System eingebundenen, per definitionem selbstsüchtig denkenden Individuen kommen, dazu benötigt man den Standpunkt 'über den Dingen' – den Blickwinkel einer Systemelite mit Sonderrechten in Hinblick auf die Re-Formierung der inneren Ordnung des Systems. Diese Elite tritt in Aktion im Falle einer Krise des Systems – die Krise legitimiert die Elite.17
Wenn in der Finanzkrise einzelne Bankinstitute „too big to fail“ sind und als „systemrelevant“ mit Einsatz enormer öffentlicher Mittel unterstüzt werden, dann ist diese Abweichung von der „reinen“ Lehre der Selbstverantwortung mit dem Risiko des geschäftlichen Scheiterns erst durch den Verweis auf den sozialethischen Grundsatz nach Art des Bolzanoschen Moralprinzips, also den Bestandserhalt, die Funktionalität „des Ganzen“ zu rechtfertigen. Es ist eine konsequentialistische Ethik, in der das Ziel – der Bestandserhalt des „Ganzen“ - die Mittel heiligt.
Für die ökonomische Theorie ist es zentral und entscheidend, welches Marktmodell – und damit verbunden welche Struktur der diskursiven sozialen Gleichheit – den Ausgangspunkt der theoretischen Argumentation bildet, also die „Grundbegriffe“ der Theorie. Sprechen wir vom vollkommenen Markt, der eine aktuale soziale Symmetrie der Tauschpartner erzeugt und damit deren sonstige hintergründige Macht neutralisiert? Oder sprechen wir von der reziproken Gleichheit, welche die soziale Symmetrie aufbricht und dem Initiator am ungeregelten Markt eine asymmetrische Einflussposition ermöglicht?
Methodisch und sozialphilosophisch betrachtet, geht es um den Begriff der sozialen Gleichberechtigung, der Gleichheit im herrschaftsfreien Diskurs. Die eingangs angeführten Diskursregeln zur Definition des symmetrischen Marktes sind Diskursregeln zur Erzeugung einer aktualen sozialen Gleichheit im Tausch, eines herrschaftsfreien Tauschdiskurses, die wir durch einfachen Rückgriff auf die logische Relationentheorie gewinnen. Wie am Beispiel des oligopolistischen Marktmodells von Stackelberg gesehen, wird diese herrschaftsfreie, soziale Gleichheit aber durchbrochen, indem sie mit einseitiger Marktmacht „angereichert“ wird. Das reziproke Marktmodell kann diese Verzerrungen nicht korrigieren, es nimmt sie auf und transformiert sie weiter. Diese sachlich gravierende Abänderung der Voraussetzungen dieses ungleichen Marktverhaltens bleibt in den Gleichungsformalismen des 'Modellplatonismus' unauffällig – insbesondere bleibt die Tatsache unauffällig, dass es sich dabei um eine Abwendung von den bürgerlich-liberalen Grundideen handelt.
Der katallaktische Markt der Machtrealisierung wird unter diesen Verzerrungen strukturell reduziert auf die bloss formelle Freiheit der Tauschpartner, in der gegebenen, pratikulären Situation dem Vertragspreis individuell abzulehnen oder ihm zuzustimmen – und damit die vom einzigen Gegenüber, vom Vertragsgegner, in dessen asymmetrischen Eigeninteresse verzerrte Angebotsituation zu akzeptieren, also sich auf eine ungleiche Situation einzulassen.
Wir können diese Situation generalisieren: im klassischen, symmetrischen Marktmodell geht es um die Angleichung von gegebenen Gütermengen und zu verhandelnden Preisen. Für die Marktformenlehre geht es darum, dass die Marktteilnehmer in den Markt eintreten, ohne zu wissen, welche Mengen angeboten oder nachgefragt werden; dadurch werden sie 'gezwungen' dort, sozial gleichberechtigt und gleichwertig, die Markträumungspreise herauszufinden, auszuhandeln. Diesen „Schleier des Nichtwissens“ lüftet ihnen erst der Markt, und zwar, idealerweise, allen gleichzeitig bzw. symmetrisch. Ein einseitiger Informationsvorsprung dagegen bedeutet eine Marktverzerrung, eine Machtposition, eine Möglichkeit der manipulierenden Einflussnahme auf die Entscheidungsfreiheit des Vertragsgegners.
Der zerrissene Schleier des Nichtwissens, die einseitige Verfügbarkeit von einseitiger Information über die Marktvorbereitungen den Konkurrenten wird zum Unterscheidungskriterium zwischen vollkommenem Markt und faktischem Markt, d.h. gleichberechtigter Marktteilnahme einerseits und reziproker Marktmacht durch partikulären Informationsvorsprung andererseits.
Jene Variation des Marktmodells auf Beeinflussung der Mengenkalkulation des Gegners, die v.Stackelberg vornimmt, ist zu generalisieren auf die Problematik: haben einzelne Marktteilnehmer vormarktliche Informationen über die Absichten der Übrigen? Man kann die Bezeichnung „Menge“ im Marktmodell verallgemeinern auf alle Arten von Gütern und Leistungen, mit deren Erbringung sich die Individuen auf ihren Marktauftritt vorbereiten. Diese Vorbereitung des Marktauftritt ist, generell gesprochen, die Privatsphäre. Man tritt aus eigenem Entschluss über die Schwelle des eigenen Hauses in den öffentlichen Raum – das ist die bildhafte Voraussetzung für die Autonomie des Individuums. In der Betriebswirtschaftslehre spiegelt sich diese funktionale Trennung in der Unterscheidung von Betrieb und Unternehmen.
Die Wahrung der Autonomie in der Privatsphäre ist das Zentrum für eine jegliche gesellschaftliche Rechtsgleichheit. Ihre Zerstörung, der informatorische Eingriff zerstört das bürgerliche Individuum, macht es zum manipulierbaren Objekt..
Diesem Weg folgend sind zwei gesellschaftliche Tendenzen zu erkennen, die der katallaktische Markt als gesellschaftliches Ordnungskriterium begünstigt, wenn nicht erzwingt:
1)eine ökonomische Tendenz: die zunehmende und sich beschleunigende Kapitalkonzentration. Diese ist durchaus mit der Systematik von Karl Marx zu analysieren, einschliesslich dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Zwar wird dessen Periodendauer, in einer Zeit des Zentralbankgeldes durch den Leverage-Effekt im Finanzsektor „gestreckt“, dafür dann aber zunächst in eine Vermögensinflation übergehen, die sich in einem Schneeballsystem abgeleiteter Wertpapiere versteckt – die Folgen in einer Insolvenzkrise werden vermutlich entsprechend heftiger ausfallen als zu Ricardos und Marxens Zeiten mit ihren etwa siebenjährigen Frequenzen. Der neoliberale Weg ist eine Rückkehr zu den Marktregeln von Ricardo, die neoliberalen Vorstellungen zur Verteilung des Sozialprodukts sind ein inverser Marxismus.
2)Eine sozialstrukturelle Tendenz: die Auflösung, Aufsplitterung des Privateigentums der Mittelschichten in viele einzelne „property rights“ führen zunehmend zu einer partikulären normativen Lenkung und Steuerung des Verhaltens der Einzelnen.Jeremy Rifkin bringt unzählige Beispiele für diese „Enteignung“ in allen Lebensbereichen.18 Die umfassende Lebensgestaltung, die materielle und personale Fähigkeit, in Selbstverantwortung die eigene Biografie zu entwerfen und und zu verwirklichen, geht verloren und weicht der Lizenzierung, der zeitlich, räumlich und persönlich eingeschränkten und widerrufbaren Erlaubnis zur Nutzung fremder Eigentumsrechte. Was tendenziell bleibt, ist Compliance für die jeweilige und häufig gewechselte „Unternehmensethik“, eine Art privater Gesetzgebung, die in absolutistischer Manier die abhängig Beschäftigten umfassend verpflichtet und entpersönlicht. Zum „abhängig Beschäftigten“ wird beispielsweise nun auch der Klein- und Mittelständische Unternehmer, der zwar sein nominelles Kapital einsetzt, dessen positiv-materiale Verfügungsrechte aber an den Franchisegeber abgibt, zu dessen Mündel er sich per Franchisevertrag macht. Rifkin führt eine Masse an anderen Beispielen solcher „Vernetzungen“ auf.
Für die emanzipative Strukturierung der Informationsgesellschaft wird zur entscheidenden Aufgabe der nachindustriellen Ökonomie: wie kann der allgemeine und gleichberechtigte Zugang zu Informationen über Andere reguliert werden, damit wieder eine Situation der aktualen sozialen Gleichheit im Diskurs entsteht? Wie kann der Zugang anderer zu Informationen über mich von mir kontrolliert werden? Wie kann ich die Manipulation meines Selbst verhindern?
Die anmaßende Aufkündigung der Privatsphäre, wie sie von den „big players“ der Informationstechnologie bereits als unausweichliches Faktum hingestellt wird, kommt der Beerdigung der Aufklärung, dem Ende des individuellen Freiheitsanspruchs gleich. Der Google-Geschäftsführer Eric Schmidt sagte kürzlich zum Thema Privatsphäre im Internet: Wer nicht will, dass bekannt wird, was er tut, solle es besser gleich lassen.
Es wird die Frage sichtbar: ist die Gesellschaft noch in der Lage, eine egalitäre Freiheit zu organisieren oder geht sie den Weg rückwärts in einen modernen Absolutismus? "Was haben wir denn von der Zerstörung der Aristokratie der Adeligen gewonnen, wenn sie nachher wieder von einer Aristokratie der Reichen ersetzt wird?", fragte Marat und antwortete selbst: "Muss man es noch sagen? Kein Mensch ist wirklich Bürger, wenn er nicht Eigentümer ist." Eigentümer sein heisst hier: Herr in der eigenen Privatsphäre sein.
Der Wiederaufnahme der Mühen der Aufklärung steht die Aufgabe bevor, eine Ordnung des Wirtschaftens zu entwerfen, welche die symmetrische diskursive Beziehung zwischen selbsterwählten Diskurspartnern gewährleistet.
Die Volkswirtschaftslehre wird angesichts dieser Situation wieder zur Ethik, wie sie von Adam Smith in seiner Zeit verstanden und entworfen war, zugleich zu einem Ausgangs- und Bezugspunkt der emanzipatorischen Soziologie.

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