Was haben Sprache und Ethik miteinander zu tun?
1In der „Logischen Propädeutik“ (1967), der „Vorschule des vernünftigen Redens“ hatten die Erlanger Philosophen Wilhelm Kamlah und Paul Lorenzen einen angenehm simplen „Anfang der Philosophie“ vorgeschlagen: die Einführung von Wörtern durch Zeigen auf eine Sache und dem gleichzeitigen Aussprechen des zugeordneten Wortes – die „hinweisende“ oder „deiktische Definition“.
Durch Beispiele („dies ist ein Fagott“) und Gegenbeispiele („nein, das ist kein Fagott, sondern ein Saxophon“) wird, je nach Bedarf, so lange geübt, bis der Schüler das Wort (den „Prädikator“) richtig anwendet. Der Schüler hat damit ein Stück „Sprachkompetenz“ erworben.
Wir haben also ein Schüler-Lehrer-Modell. Was aber, wenn der Schüler störrisch ist? Wenn ihn der autoritative Lehrplan nicht interessiert? Wenn er das Fagott verachtet, seine Gitarre auspackt und singt:
We don't need no education
We don't need no thought control
Hey, teacher, leave them kids alone!
Um zu vermeiden, dass Wörter „bricks in the wall“ werden, mit denen der Geist von aussen eingemauert wird, sollte dem Lehreifer des Lehrers der Lerneifer des Schülers gegenüberstehen. Der Lehrer ist auf das fragende Interesse, die „Kritik“ des Schülers angewiesen – eine Selbstverständlichkeit, ja Trivialität für jeden begeisterten Pädagogen. Mit seinem kritischen Interesse gibt der Schüler dem Lehrer seine "Anerkennung" - ein zentraler Begriff in der Sozialphilosophie Hegels.
Unsere Aufgabe ist es nun, eine Methode zu finden, welche die Gleichberechtigung von "Schüler" und "Lehrer" erzeugt und sicherstellt. Wir brauchen eine soziale Symmetrie beim Wörter Erfinden oder Neuerfinden oder Umdefinieren oder Korrigieren oder ihrer Bedeutungklärung usw. usf. Diese soziale Symmetrie der Sprechenden und Hörenden wird erzeugt durch Regeln für den Rollentausch zwischen der Lehrer- und der Schülerrolle. Welches sind diese Rollentauschregeln für dieses 'Diskursballett'? Darum geht es im Folgenden.
Machen wir uns ein Bild von der anfänglichen Lernsituation. (Um uns aus dem Streit über das gewünschte Instrument herauszuhalten, nehmen wir die Violine.)

Die Einführungssituation gliedert sich in drei Interaktionsschritte:
(1)das Darauf-Zeigen des Initiators
(2)das fragende Interesse des Respondenten
(3)die Nennung des Prädikators durch den Initiator.
Erst durch den zweiten Schritt in dieser Interaktion, die Anerkennung, kommt die Zuordnung von Gegenstand und Prädikator zustande. Ohne gegenseitige Anerkennung gibt es keine Sprache. (In der konkreten Schulstunde kann man sich das etwa so vorstellen: der Schüler schaut interessiert und fragt: „was ist denn das?“ Er kann auch mit skeptischem Unterton lästern: „was soll denn das wieder für ein Ding sein?“ usw. - aber: er muss auf die Initiative eingehen, sie durch sein Interesse respondieren, sie "reflektieren", sonst ist diese gescheitert, es gelingt dem Initiator nicht, den Gegenstand zu benennen.) Die Zeigegeste kann durch eine Kennzeichnung (etwa „mein Instrument“) oder durch einen Eigennamen ersetzt werden (etwa „Aurea“, eine Violine, die Stradivari im Jahr 1710 baute).
Das Ergebnis ist ein „Elementarsatz“: Aurea ε Violine.
( „ε“ steht für „ist“ aus griechisch estin, sein. Damit haben wir schon ein äusserst komplexes Philosophenwort, das „Sein“ auf einen simplen Ursprung zurückgeführt. Das „Sein“ ist die Ansammlung all der Dinge im Weltenchaos, die wir unterscheiden, die wir „erkennen“, weil wir sie benennen können. Oft wird „Sein“ verwechselt mit „Materie“, dem Insgesamt aller unterscheidungsfähigen Dinge, die aber nicht, eventuell noch nicht, unterschieden sind).Der Elementarsatz heisst Elementarsatz, weil er das atomare Element für die Zusammensetzung komplexer Sätze, den Zusammenbau von Satzmolekülen durch logische Operatoren ist. Logische Operatoren sind Verbinder von Elementarsätzen wie etwa UND, ODER, WENN-DANN, aber auch der „Negator“ NICHT usw. (Bsp.: "draussen ε Regen UND draussen ε kalt") Selbstverständlich können auch bereits zusammengesetzte „Satzmoleküle“ weiter zusammengesetzt werden (Bsp.: WENN (
Empirische Forschung ist demnach der gleiche Vorgang wie die Einführung neuer Wörter und Unterscheidungen; dabei macht es auch keinen Unterschied dahin, ob nur Wörter, die bereits in Gebrauch sind, neu überprüft werden. Empirie als Wissenschaft ist nur dadurch etwas komplizierter, dass man den Zusammenhang eines Wortes (bzw. der damit bezeichneten Situation/Gegenstand) mit anderen Situationen explizit darstellt. Das kann eine Situationsbeschreibung sein, etwa die der Vesuchsanordnung im Chemielabor.
Bevor man also mit empirischer Forschung in einer beliebigen Fachwissenschaft beginnen kann, muss erst entprechende theoretische Vorarbeit geleistet werden. Diese besteht in der Zergliederung komplexer theoretischer Aussagen und Hypothesen auf logisch einfache, atomare Sätze. Die UND, ODER,... werden aus der ursprünglichen Situationsbeschreibung herausanalysiert. Der Forscher fragt, nachdem er auf etwas Merkwürdiges aufmerksam wurde, sich über etwas wunderte, wie der Schüler, „dieses ist...was?“, um dann diesem unbekannten Phänomen, es benennend, unterscheidend, auf die Spur zu kommen.
2 Der herrschaftsfreie Diskurs
Die „Logische Propädeutik“ von Kamlah und Lorenzen hatte zum Ziel also weniger, eine simple pädagogische Anweisung für den Sprachunterricht zu liefern, sondern eine Methodik zur Begründung von wissenschaftlicher Terminologie zu entwickeln. Wissenschaftliche Fachbegriffe müssen von einer grossen wissenschaftlichen Community in gleicher Weise verstanden werden. Es genügt hier nicht, dass zwei Leute sich auf den einvernehmlichen Gebrauch von Wörtern einigen, das wäre private Sprache. Der Gebrauch von (wissenschaftlichen) Prädikatoren muss durch weitere „Prädikatorenregeln“ eindeutig normiert werden.
Unter „Prädikatorenregel“ verstehen Lorenzen/Kamlah zusätzliche Vereinbarungen zu den eingeführten Wörtern, die vor allem dazu dienen, die Trennschärfe gegenüber anderen eingeführten Wörtern darzustellen. Etwas, das als weiblich prädiziert wurde, darf nicht als männlich prädiziert werden. Kann man daran zweifeln? Wie ist es mit Chimären? Greift diese Festlegung auf eine Kontradiktorik von männlich und weiblich nicht in die Problematik der sexuellen Identität ein?http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32268/1.html Was ist ein Busch, was ein Baum? (Der Hobbygärtner weiß, dass ein verwilderter Zwetschgenbaum kaum von einem Busch zu unterscheiden ist.) Wer legt diese Prädikatorenregeln fest? Und woher kommt dessen Autorität?
Ein Beispiel für die Dominanz beim Bestimmen über die Wortbedeutungen1: - diesmal geht es um das Cello: In den turbulenten Tagen der deutschen Wiedervereinigung wollte ein britischer Straßenmusikant mit seinem Instrument im Gepäck die Grenzkontrollen der Deutschen Demokratischen Republik nach Westberlin passieren. Dabei entwickelte sich mit den Grenzbeamten folgende kafkaeske Diskussion über die Berechtigung, ein Instrument als Cello zu bezeichnen, das nicht wie ein herkömmliches Cello aussieht.
Der englische Musikant schilderte, etwas radebrechend, in einem Fernsehinterview sein Erlebnis:
“Ich packe den Cello aus, und ähm.. sie sagt: ‚das ist überhaupt kein Cello. Es gibt einfach zuviel Saiten da‘.
(Interviewer:) Wieso?
Es gibt 19.
(Interviewer:) Und wieviel hat ein Cello Saiten?
Es gibt normal vier. Dann ich sage, ja, ich weiss, es ist nicht normal, aber es ist mein Cello, ich habe es selbst gebaut. So kommt zehn Minuten später die Boss von diese Frau, es sagt: ‚Das ist kein Cello‘. Ich sage: ‚ja ich weiss, aber... komm, fahren Sie da drüber, es klingt‘. Kommt die Hauptboss von die Boss. Er sagt mir ganz kurz: ‚Da, gehen Sie rüber‘
(Interviewer:) Wohin?
In diese Untersuchungszimmer. So wir gehen zusammen dahin, Tor schliessen, und er fragt mir: ‚Was machen Sie?‘ Ich sage: ‚ich bin Musiker, ich habe in der DDR gespielt und ich gehe einfach in West‘. So er sagt mir: ‚Bitte, auspacken‘. So, schon wieder. Er sagt: ‚Das ist kein Cello. Und Sie sind kein richtiger Musiker‘. Ich habe... bei diese Zeit ich habe Angst. Und dann, plötzlich, aufstehen, weg, Tor wieder geschlossen. 10 Minuten später, nein, vielleicht länger, kommt 4 Leute zurück. Die Zwei, die ich schon gesehen habe, ihn, und noch eine neue. Das, offensichtlich, ist ein cello-playing policeman. Sie haben ihn gesucht. Jetzt kommt die alles vier, sitzen hinter die Tisch: ‚Spielen Sie bitte!‘ Keine Bewegung im Gesicht, grau, kalt. ... Vierzig Minuten da ich habe gewartet, ich weiss nicht. Kommt zurück der Hauptboss, und er sagt mir ‚ja, ok, sie können gehen‘. Ich sage ja, wunderbar, ganz toll, o.k., mein Pass bitte! Er sagt: ‚nein, Sie bekommen kein Pass zurück‘. Also bin ich da, in Mitte Friedrichstrasse Bahnhof, ganz allein. Und es war wie ein schwarz Loch. Kann ich weitergehen? Ohne Pass? Kann ich zurückgehen? Ich muss in West! Dann nach den 5 Minuten oder so kommt Frau von Zoll, und sie sagt: ‚komm!‘. Und wir gehen zusammen ganz andere Richtung, nach Westberlin.
(Interviewer:) Dienstweg...
Ja,ja. Und... ähm... mein Pass, zurück, und dann plötzlich bin ich da im Westen.”
Es ist aber nicht nur diese ins Absurde gesteigerte Karrikatur von real existierender Definitionsmacht, die die partikularistische, willkürliche Festlegung von Wortbedeutungen, den „Begriffen“, als ungenügend erscheinen lässt.
Der Philosoph Jürgen Habermas kritisierte an der „Erlanger Schule“ diese partikularistische Art und Weise der Normierung des Wortgebrauchs und der Wortbedeutung durch "lehrerhaft", einseitig bestimmte Prädikatorenregeln. Das Schüler-Lehrer-Modell ist ihm weit erntfernt von einem universalistischen Begriff des „Begriffs“. Habermas setzt dagegen seine Vorstellung eines „herrschaftsfreien Diskurses“, durch den die gleichberechtigte Verteilung der Definitionsmacht auf alle Betroffenen gesichert werden soll. Hier geht also die Ausbildung kommunikativer Kompetenz einher mit der ethischen Forderung nach sozialer Gleichberechtigung.
Dabei möchte ich Habermas recht geben. Insbesondere der Übergang von Prädikatoren zu wissenschaftlichen Termini darf nicht von der Beliebigkeit und subjektiven Entscheidung der direkt an dieser Festlegung Beteiligten abhängen. Es ist ja auch die Frage: wie und wodurch sind diese Beteiligten zu ihrer Definitionsmacht gekommen? Was legitimiert sie dazu, Wortbedeutungen festzulegen, die wir für unseren Sprachgebrauch übernehmen sollen? Wie jeder Machtpolitiker weiss, ist die „Besetzung von Begriffen“ ein Schlüssel zur Macht. Worte strukturieren die Welt und unsere Wahrnehmung von der Welt; Worte transportieren die Machtverteilung, die bei ihrer Definition anwesend war, in alle Situationen ihres weiteren Gebrauchs. Deshalb wollen Diktatoren gerne alleine bestimmen, wie und was ihren Unterworfenen berichtet wird – damit diese ihre Unterwerfung im eigenen Sprachgebrauch bestätigen, wie in George Orwells „Neusprech“.
Fremde Subjektivität zu realisieren heisst: wir tun Dinge, die wir eigentlich nicht tun wollen, wir handeln neurotisch. „Kommunikative Kompetenz“ besteht gerade darin, solche eingeschleuste fremde Subjektivität aus dem eigenen Sprachgebrauch, der eigenen Wahrnehmung der Welt, das ist: aus der eigenen Psyche, zu verbannen. Kommunikative Kompetenz bedeutet: habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Kommunikative Kompetenz bedeutet: erkenne dich selbst! Kommunikative Kompetenz bedeutet: das Projekt der Aufklärung zu realisieren.
Auch eine wissenschaftliche Terminologie kann eine solche ursprüngliche Machtverteilung transportieren, wie wir am Beispiel des Begriffs „Markt“ in der wirtschaftswissenschaftlichen Terminologie sehen können – in der einen Theorietradition (österreichisch-neoliberal) ist der „Markt“ definiert als eine Veranstaltung zur Ausübung gesellschaftlich-struktureller Macht, dagegen in der anderen Theorietradition (angelsächsisch-neoklassisch) als eine Veranstaltung zur Neutralisierung struktureller Macht, als ein herrschaftsfreier Diskurs zur Herstellung sozialer Gleichberechtigung – nicht zu verwechseln mit materieller „Gleichmacherei“. (siehe: Freiheit? - Markt oder nicht Markt, nicht Macht oder Macht, das ist die Frage.)
Da Wilhelm Kamlah und insbesondere Paul Lorenzen sich selbst immer vehement gegen jede Axiomatik, das beliebige, „nicht begründete“ Vorabdefinieren von Fachtermini in den Wissenschaften gewandt haben, ist es wohl ganz in ihrem Sinn, hier Abhilfe zu schaffen durch ergänzende Prädikatorenregeln.
Paul Lorenzen selbst hat in seinen Spätschriften einen Weg angedeutet: die Herstellung von Allgemeinbegriffen durch Abstraktion, durch Anwendung der Äquivalenzrelation. Die Äquivalenzrelation ist eine Methodik der logisch-mathematischen Relationentheorie.
Die Äquivalenzrelation setzt sich zusammen aus drei Teilrelationen, die ich hier in aller Abstraktheit nur kurz (und nur für Fachleute) anführen möchte, bevor sie illustriert dargestellt wird:
1)Reflexivität: X bezieht sich auf X (Adam bezieht sich auf Adam)
2)Symmetrie: X bezieht sich auf Y UND Y bezieht sich auf X
3)Transitivität: WENN X bezieht sich auf Y,
UND Y bezieht sich auf Z ,
DANN X bezieht sich auf Z
Wir wenden diese Regeln der Äquivalenzrelation an, indem wir sie als eine Art Choreographie für die Positionswechsel der Beteiligten hernehmen.
Die Darsteller in diesem „Definitionsballett“ sind: Adam, Bedam, Cedam. Es gibt zwei Positionen: die Initiativposition (rechts) und die Responseposition (links). Die erste Szene dieses Definitionsballets ist, wie oben bereits gesehen: Adam in der Initiativposition, Bedam in der Responseposition.
Definitionsballett, 1. Szene: (Reflexivität)

In dieser Szene wird ein „Elementarsatz“ erzeugt, wie bereits beschrieben.
Danach tauschen Adam und Bedam ihre Positionen: Adam geht aus der Initiativposition in die Responseposition, Bedam aus der Responseposition in die Initiativposition.
Bedam zeigt dabei aber nicht auf dieselbe Violine, 'Aurea', auf die Adam gezeigt hatte. Es ist also nicht so, dass sie beim Positionswechsel auch den Gegenstand übergeben hätten. Es geht ja gerade darum, einen „Allgemeinbegriff“ zu erzeugen, nicht einen Eigennamen. Ein Eigenname ist nur einem einzelnen Gegenstand zugeordnet ( 'Aurea' eben nur dieser einen Violine von Stradivari); ein Allgemeinbegriff, ein Prädikator dagegen ist verschiedenen Individuen in gleicher Weise zugeordnet. Ein Prädikator bezeichnet eine „Klasse“ oder eine “Menge“ von Dingen. Ausserdem soll durch den Perspektivwechsel bewirkt werden, dass die unterschiedlichen, individuellen und subjektiven Sichtweisen auf die Welt und die Dinge in ihr harmonisiert werden. In unserer szenischen Darstellung sind die subjektiven Sichtweisen Adams und Bedams auf die Welt jeweils durch „ihr“ Instrument symbolisiert.
Wir nehmen daher für die Aufführung unseres Definitionsballets an, dass Bedam ebenfalls ein grosser Künstler ist, der das Glück hat, auf einem weiteren berühmten Instrument von Stradivari, der 'King George' spielen zu dürfen.

Die 'King George' ist durch ihr Schicksal ein wahres Individuum. König George II schenkte sie einem seiner Offiziere, der sie so liebte, dass er sie immer bei sich trug – selbst in der Schlacht von Waterloo. Leider nimmt die Brutalität des Krieges keine Rücksicht, auch nicht auf die allerfeinsinnigsten Künstler, der Soldat wurde getötet, doch die „King George“ überstand das Gemetzel unbeschadet.
Definitionsballett, 2. Szene (soziale Symmetrie)
1. Step und 2. Step
Durch diesen Positionswechsel begeben sich Adam und Bedam in eine symmetrische soziale Position zueinander. Ihre Interaktion wird symmetrisch-gleichberechtigt.
Durch diese selbst erzeugte, gegenseitig gewährte Gleichberechtigung hat jeder der beiden die gleiche Chance, seine „Sicht der Dinge“ aus der Initiativposition in die zu vereinbarende Bedeutung des Prädikators einzubringen und mit diesem dann kommunikationsfähige Elementarsätze zu bilden – und ebenso hat jeder der beiden die gleiche Chance, die gegenseitige Initiative durch seine kritische Stellungnahme in seinem Sinne zu lenken und zu korrigieren.
Beziehen wir uns noch einmal auf das Lehrer-Schüler-Modell, das von Pink Floyd in „The Wall“ als ein Einmauern von Gedanken durch Wörter als Backsteine kritisiert wurde. Die 2. Szene des Definitionsballets entspricht dann einem, dem kritisierten entgegengesetzten pädagogischen Konzept des Projektlernens. Dabei wird nicht einseitig, bürokratisch-administrativ, „von oben“ der Lehrplan bestimmt und, untermauert mit der Bedrohung durch schlechte Noten 'durchgezogen', sondern die Schüler selbst entwickeln ihre eigene Initiative zum Lernen aus eigenen Interessen und Bedürfnissen; der Lehrer unterstützt sie bei der Verwirklichung, wobei er natürlich auch seine pädagogische Steuerung und Zielrichtung einbringt. Der Schüler hat ebenso wie der Lehrer die gleichberechtigte Befugnis, die Initiativposition eines Lerndiskurses zu besetzen; ihre gegenseitige Anerkennung ist symmetrisch, als Gleichberechtigung zueinander.
Nach diesem Tanzschritt „Symmetrie“ haben sich beide, Adam und Bedam, gegenseitig gesichert, dass sie das Wort „Violine“in identischer Weise gebrauchen, dass sie durch die beiden Elementarsätze
„'Aurea' ε Violine“ (initiiert durch Adam und bestätigt durch Bedam)
und
„'King George' ε Violine“ (initiiert durch Bedam und bestätigt durch Adam)
den Prädikator, den Allgemeinbegriff „Violine“ erzeugt haben.
Die Allgemeinheit, für die dieser Allgemeinbegriff nun unmissverständliche Kommunikation ermöglicht, ist jetzt aber immer noch eine geschlossene Gruppe: Adam und Bedam. Die kommunikative Kompetenz gilt bis hierher allein in der „Kleingruppe“ aus Adam und Bedam.
Wie kann diese kommunikative Kompetenz universalisiert werden, so dass die Verständigungsfähigkeit für alle möglichen hinzukommenden Sprecher und Hörer gelten kann, also für eine potentiell unendliche Kommunikationsgemeinschaft?
Definitionsballett, 3. Szene (soziale Transitivität)
„Eigentlich“ hat die soziale Transitivität drei Steps:
3.Szene, Step 1
3.Szene, Step 2
Wie man sieht, sind die Teilnehmer an diesem Diskurs nicht gleichberechtigt.Adam steht zwei mal auf der Initiativposition, sowohl gegenüber Bedam als auch gegenüber Cedam. Cedam dagegen steht immer nur in der Responseposition, sowohl gegenüber Bedam als auch gegenüber Adam. Bedam ist ein Vermittler zwischen dem Hauptinitiator Adam und dem Dummen in der Runde, Cedam. First come, first served, den letzten beissen die Hunde.
Damit wird die zu definierende Wortbedeutung einseitig dominiert von den Interessen Adams; Bedam darf seine Interessen ebenfalls initiativ einbringen, jedoch eingeschränkt gegenüber nur Cedam. Cedam muss damit zufrieden sein, was ihm Adam und Bedam zugestehen – oder er muss sich dem Diskurs ganz verweigern. Diese Benachteiligungen gelten aber nur für den Fall, dass wir die soziale Transitivität isoliert und unabhängig von der sozialen Symmetrie betrachten.
Definitionsballett, 3. Szene (soziale Transitivität nach Symmetrie - REPRÄSENTANZ))
ODER
Wenn es Adam und Bedam nun gelingt, mit Cedam ein Einverständnis über die Bedeutung des Wortes „Violine“ herzustellen, dann können sie davon ausgehen, dass ihnen (oder jedem von ihnen) mit jedem anderen Diskurspartner gelingen wird. Sie haben ihre Kommunikationsgemeinschaft auf potentiell unendlich viele „Tanzpartner“ erweitert. Der Prädikator „Violine“ ist zu einem universellen Allgemeinbegriff geworden. Diese Universalisierung kann jeder vornehmen, der sich durch soziale Symmetrie die Fähigkeit geschaffen hat, sich repräsentieren zu lassen bzw. andere repräsentieren zu können.
Das muss nun nicht heissen, dass ein solcher "Universalbegriff" ins Lexikon geschrieben wird und auf alle Zeit unveränderlich ist. Nein - er kann jederzeit wieder an den Anfang der ganzen Prozedur geholt werden. Entscheidend für eine universelle Sprache sind nicht die einmal erzeugten und dann in Stein gemeisselten Zeichen. Es ist die Fähigkeit der Sprechenden, sich jederzeit auf die Universalisierungsprozedur einzulassen, das Verallgemeinerungsballett neu zu tanzen. Dazu braucht es nur die Bereitschaft zur sozialen Symmetrie gegenüber jedem.
Genau dies wollte schon Adam Smith in seiner Ethik, der "Theory of Moral Sentiments" uns zeigen: eine einfache Methode zur Verallgemeinerung unserer individuellen, subjektiven Gedanken und Blickweise auf die Welt. Dazu, sagte er, brauchen wir Sprache und mit der Sprache gelingt es uns, unsere "sympathy" dadurch zu zeigen, dass wir uns in die Rolle des Anderen versetzen, die Dinge aus seinem Blickwinkel betrachten - uns in eine symmetrische Beziehung zu ihm stellen. Danach können wir, auch im Streitfall, einem "neutralen Dritten", dem "unbeteiligten Beobachter" gegenübertreten - auch hier wieder mit der Antizipation der Bereitschaft zur sozialen Symmetrie. Auf diese Weise werden wir unsere Meinung verallgemeinern, so dass sie von jedem Beliebigen nachvollziehbar wird und allgemeine Zustimmung erhalten kann.

















